Inhalt - Interview Guzzella

«Informatik sollte unsere fünfte Landessprache werden»

Bildquelle: ethz.ch

Lino Guzzella, Präsident der ETH Zürich, sieht Chancen in der digitalen Zukunft der Schweiz. In den «ETH News» sagte er kürzlich, dass die Voraussetzungen bestünden, mit der ICT eine ähnlich leistungsfähige Industrie aufzubauen, wie die Pharma es heute sei. Das swissICT Magazin hat nachgefragt.

 

Interview: Fridel Rickenbacher, Mitglied Redaktion swissICT, Mitbegründer und Partner MIT-GROUP

Die ETH scheint in der Spitzenforschung und Lehre eine Impulsgeberin und zugleich auch Mitgestalterin der fortschreitenden Digitalisierung zu sein. In welchen Bereichen kann der Vergleich zum «Silicon Valley» gewagt werden?

Lino Guzzella: Die ETH hat eine starke Tradition in den Grundlagenwissenschaften, Mathematik, Naturwissenschaften und Ingenieurwesen, besonders im heute so wichtigen Bereich der Informatik. Unser Informatik-Departement ist verglichen mit anderen Spitzenuniversitäten zwar klein, gehört aber zu den besten weltweit. In diversen anderen Departementen werden ebenfalls ICT-relevante Forschungsgebiete (Robotik, Automatik etc.) erfolgreich erforscht und gelehrt. Die wissenschaftliche Basis ist somit vorhanden, um die Vernetzung und weitere Digitalisierung der Schweiz voranzutreiben, ähnlich wie vor rund 160 Jahren, als es darum ging, für den jungen Bundesstaat Brücken, Tunnels und Eisenbahnen zu bauen und Ingenieure für das Land auszubilden. Und an diese Tradition müssen wir auch anknüpfen, wenn es um die Digitalisierung geht, deshalb ist es ganz wichtig, nicht das Silicon Valley zu kopieren, sondern unseren eigenen Weg zu gehen.

Als begeisterter Teilnehmer von Veranstaltungsreihen wie «Science City», Podiumsdiskussionen, Panels nehme ich die ETH als aktive Impulsgeberin wahr – auch für die Jüngsten. Braucht es eine frühe «Aufklärung 4.0» für die Öffentlichkeit und künftige Studierende für die «Industrie 4.0»?

Eine offene Diskussion über Chancen und Risiken des digitalen Wandels ist wichtig. Das Thema hat endlich in der Breite die ihm gebührende Bedeutung erreicht. Ich fände es beispielsweise wichtig, dass das «Programmieren» – also das Denken in Algorithmen – an allen unseren Schulen fest in die Lehrpläne aufgenommen würde. Informatik sollte unsere fünfte Landessprache werden. Zudem suchen wir als technische Hochschule das Gespräch mit der Gesellschaft zu diesen Themen, zum Beispiel an Veranstaltungen wie Treffpunkt Science City oder die gemeinsam mit der Universität Zürich organisierte Scientifica, die zwischen dem 1. und 3. September zum Thema «Was Daten verraten» stattgefunden hat.

Das duale Bildungssystem gilt als Trumpf der Schweiz. Werden in künftigen erfolgreichen Teams entsprechend die Erfahrung, Interdisziplinarität der Bildung und die Kombination von Lehr- und Studienabgängern wichtiger werden für die Herausforderungen der Digitalisierung?

Das duale Bildungssystem, welches je nach Interesse und Neigung unterschiedliche Ausbildungswege mit je eigenen Profilen bietet, ist eine der Stärken der Schweiz. Wir müssen schauen, dass wir diese Unterschiede nicht verwässern. Globalisierung und digitaler Wandel verschärfen den Wettbewerb und zwingen uns, uns zu verbessern und beweglich zu bleiben. Zur Beweglichkeit gehört, dass man auch in zunehmend heterogenen Teams funktioniert und mit Leuten aus unterschiedlichen Disziplinen und Kulturen auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten kann.

Künftig braucht es unter anderem vertieftes Verständnis für mathematische Grundlagen (das neue Einmaleins für die Digitalisierung) und «vernetztes, innovatives Denken und Handeln». Wie gestaltet die ETH das in Forschung und Lehre?

Grundlage eines ETH-Studiums sind Mathematik und Naturwissenschaften. Das wird auch in Zukunft so bleiben. Bereits auf Bachelorstufe arbeiten unsere Studierenden forschungs- und projektbasiert. Hinzu kommen Qualifikationen wie kritisch-kreatives Denken und verantwortungsvoll-unternehmerisches Handeln. Solche Fähigkeiten versuchen wir mit neuen Lehrformen zu fördern. Die Herausforderung besteht darin, für die neuen Inhalte Zeit und Raum zu schaffen, denn ein ETH-Studium ist schon heute sehr intensiv.

Wie steht es mit Programmieren im Rahmen der Informationskompetenz? Damit die digitalisierende Gesellschaft den neuen «life code» besser versteht und aktiv mitgestalten kann?

Heute brauchen die Menschen ein Grundverständnis des Programmierens, das über das blosse Bedienen von Programmen und Apps hinausgeht. Informatik ist die Mathematik des 21. Jahrhunderts geworden. Diese Denkweise zu beherrschen, ist ein Muss, um sich eine eigene Meinung bilden zu können in einer Welt, in der sich Menschen und Systeme zunehmend vernetzen. Für diejenigen, die sich für die konkrete Umsetzung interessieren, gibt es ein wachsendes Angebot an Aus- und Weiterbildungen. Heute kann man sich in kurzer Zeit praxisbezogenes Wissen aneignen, zum Beispiel über sogenannte Coding Academies.

Lernende und autonome «Cyber-physische» Systeme, Robotik, Engineering, Softwaresysteme, Hardware-Entwicklung und die künstliche Intelligenz scheinen deklarierte Stärken des Forschungsstandorts Schweiz zu sein. Kann die Schweiz den ausländischen Mitbewerbern diesbezüglich standhalten?

Wir haben alles, was es braucht, um als Land von der digitalen Transformation zu profitieren. Aber es ist kein Selbstläufer. Die Rankings, welche die Schweiz seit Jahren als eines der wettbewerbsfähigsten und innovativsten Länder ausweisen, dürfen uns nicht träge und überheblich werden lassen. Der Wandel ist so tiefgreifend, dass die Karten neu gemischt werden, und wer die Chancen nicht rechtzeitig packt, der kommt schnell einmal ins Hintertreffen. Für die Schweiz als Exportnation par excellence gilt dies noch verstärkt. Wir haben nur dann eine Chance, weiterhin erfolgreich zu sein und damit den Wohlstand in der Schweiz aufrechtzuerhalten, wenn wir unsere Produkte und Dienstleistungen weltweit verkaufen können. Und wir können nun einmal nicht über die Quantität konkurrieren, sondern über Qualität und Innovation. Und dies wiederum bedingt Investitionen in Bildung, in Forschung und Entwicklung und, last, but not least, eine enge Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Industrie.

Mit dem Forschungsschwerpunkt der Digitalen Fabrikation, beispielsweise dem «Arch_Tec_Lab» am Hönggerberg als «Labor für digitales Bauen» und auch «Building Information Modeling (BIM)», gehört die ETH weltweit zu den führenden Universitäten. Wann kommt die Digitalisierung mit Robotern auf die Baustelle und baut «Smart Cities»?

Der Roboter ist bereits auf der Baustelle angekommen, mindestens im Rahmen der experimentellen NEST-Plattform, die auf dem Gelände der Empa in Dübendorf steht. Auf dieser Plattform entsteht ein dreigeschossiges Haus, das weitgehend mit digitalen Prozessen entworfen, geplant und gebaut wird. Die ETH Zürich hat das Potenzial der Digitalen Fabrikation schon früh erkannt und bereits 2005 eine entsprechende Professur eingerichtet, wohl als erste Universität weltweit. Heute gibt es den Nationalen Forschungsschwerpunkt Digitale Fabrikation unter der Leitung der ETH und eine Vielzahl von Projekten, die eine neue Baukultur vorwegnehmen. Erste Schritte, zum Beispiel die robotische Vorfabrikation, sind schon gemacht. Weitere werden folgen. Es werden wohl noch ein paar Jahre verstreichen, bis die ersten Roboter auf einer Grossbaustelle zu Werke gehen. Aber die Chancen stehen gut, dass die Innovationen Made in Switzerland sein werden. Wichtig wird sein, dass diese Innovationen in wirtschaftliche Erfolge transformiert werden; hier haben wir in der Vergangenheit nicht immer geglänzt.

Wie beurteilen Sie die Regulierungsdichte und Digitalisierungsreife der Schweiz, auch unter dem Aspekt von dosierter Risikobereitschaft? Verbannen wir die Zukunft und Innovation ins Ausland? Sind und bleiben wir «Leaders» oder werden wir nur noch «Followers»?

Hier können und müssen wir uns verbessern. In einem internationalen Vergleich der Weltbank ist die Schweiz nur gerade auf Platz 31, wenn es darum geht, wie schnell und einfach eine Firma zu gründen ist. Aber auch unsere dosierte Risikobereitschaft, wie Sie es nennen, muss sich ändern. Wir müssen die Leute, die etwas ausprobieren und ein Risiko eingehen, nicht mit Argwohn strafen, sondern froh sein über unternehmerische Initiativen. Wer etwas wagt, der fällt auch mal auf die Nase. Aber nur wer Fehler macht, kann dazulernen und sich verbessern. Hier sollten wir alle etwas mutiger werden.

Bildung ist der Schlüssel zum sozialen Aufstieg. Geht es der Schweizer Bevölkerung zu gut beziehungsweise ist dieser mitprägende Digitalisierungsdruck zu gering, um sich weiter für das Erfolgsmodell anzustrengen und es mitzugestalten?

Eine gewisse Gefahr besteht durchaus, dass wir es uns gemütlich einrichten und wir uns mit dem Erreichten zufriedengeben. Wir dürfen aber auf keinen Fall nachlassen und müssen den Ehrgeiz haben, weiterhin zu den erfolgreichsten und wettbewerbsfähigsten Ländern zu gehören. Das geht aber nicht ohne Leistungsbereitschaft und Flexibilität.

Aus eigenen Erfahrungen gibt es schon lange Cybersecurity-Gegenmassnahmen in unterschiedlichsten Formen und Orchestrierungen. Schon länger forscht die ETH an der konzeptionellen Basis für eine neue Internet-Architektur als robusteres Rückgrat der globalen «Industrie 4.0». Was sind die derzeit wichtigsten Facts und der Status hierzu?

Das Projekt SCION, das Sie ansprechen, wird inzwischen von verschiedenen Partnern in der Schweiz und im Ausland in der Praxis getestet, unter anderem laufen Pilotprojekte mit Swisscom, der Zürcher Kantonalbank und der Schweizerischen Nationalbank. Die neue Internet-Architektur, die Professor Adrian Perrig vorschlägt, verspricht in der Tat wichtige Schwachstellen des heutigen Internets zu beheben und den Datenverkehr sicherer und transparenter zu machen. Nun muss SCION in der Praxis bestehen und für Firmen und Organisationen einen klaren Mehrwert bringen. Ich hoffe sehr, dass das Projekt auf Erfolgskurs bleibt und die Schweiz – wer weiss – vielleicht in naher Zukunft zum ersten Internet-sicheren Land werden kann.

Man könnte meinen, dass im Rahmen der Digitalisierung sich alles nur noch um Technologien dreht. Wo bleibt der Mensch? Wird oder kann der Mensch überhaupt auch «upgegradet» werden? Wie sieht es mit (Informations-)ethischen Fragen aus? Werden unsere Privacy und der Grad unserer informationellen Selbstbestimmung «downgegradet»?

Der Mensch ist zentral, und ich verhehle nicht, dass der digitale Wandel auch seine Risiken und Schattenseiten hat. Da sind die Bedrohungen aus dem Cyberspace, die wir schon angesprochen haben. Anderseits gibt es viele offene Fragen: Was passiert in der Arbeitswelt, wenn vermehrt Roboter zum Einsatz kommen, oder wie wirken sich die rasanten Fortschritte in der künstlichen Intelligenz auf uns als Konsumenten, Bürger und Privatpersonen aus? Ich bin aber der Meinung, dass die Chancen die Risiken bei weitem überwiegen. Wir haben es als Gesellschaft in der Hand, die Entwicklungen so zu steuern, dass eine Mehrheit der Menschen davon profitieren wird.

Traumberufe von Kindern wie Astronaut, Pilot, Feuerwehrmann scheinen zunehmend dem Berufsbild «irgendwas mit Daten» zu weichen. Wird die ETH nebst dem neueren Masterstudiengang «Data Science» weitere Bildungsimpulse geben?

Wir überprüfen laufend unsere Studiengänge und entwickeln diese vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen und technischer Entwicklungen weiter. So lancieren wir nebst dem Master in Datenwissenschaft im Herbst einen neuen Bachelorstudiengang in Medizin. Auch hier steht die Digitalisierung sozusagen Pate, weil in den letzten Jahren enorme Fortschritte erzielt wurden und die Medizin immer stärker technologiegetrieben ist. Ich bin überzeugt: Was in der Forschung stattgefunden hat, muss sich nun auch in der Ausbildung von Ärztinnen und Ärzten niederschlagen, und dafür wurde unser Bachelor in Medizin konzipiert. Das ist ein absolutes Novum für die ETH, die erstmals in ihrer Geschichte in die medizinische Ausbildung einsteigt. Wir tun dies aber in enger Zusammenarbeit mit unseren Partneruniversitäten Zürich, Basel und der Università della Svizzera Italiana. Unsere Studierenden setzen nach dem Bachelorstudium die Ausbildung an einer der drei Partneruniversitäten fort, die für die Fortsetzung im Masterstudium verantwortlich zeichnen. 

 

Lino Guzzella steht seit 2015 der ETH Zürich als Präsident vor. Zwischen 2012 und 2014 war er als Rektor für alle Belange der Ausbildung zuständig. Er studierte Maschineningenieur an der ETH Zürich und promovierte 1986. Anschliessend ging er in die industrielle Forschung bei der Sulzer AG in Winterthur und Hilti in Schaan/FL. 1993 wurde er als Professor ans Departement für Maschinenbau und Verfahrenstechnik der ETH berufen. Seine Forschung konzentrierte sich auf die dynamische Optimierung von Energiewandlungssystemen, um Verbrauch und Schadstoffemission von Verbrennungsmotoren zu reduzieren. Guzzella ist Mitglied der Schweizerischen Akademie der Technischen Wissenschaften (SATW) sowie des Stiftungsratsausschusses des Swiss Innovation Park. Zudem ist er Fellow des Institute of Electrical and Electronics Engineers (IEEE) und der International Federation of Automatic Control (IFAC).

Dieser Text erschien erstmals im swissICT Magazin 10/2017.