23. September 2026
Der Schweizer ICT-Sektor ist im Wandel

(DIESER ARTIKEL IST ZUERST IN DER COMPUTERWORLD TOP500-AUSGABE ANFANG SEPTEMBER 2026 ERSCHIENEN)
Im Gespräch ordnen der neue swissICT-Präsident Claude Honegger und Geschäftsführer Kurt Lanz die Lage der Branche ein – von KI und Fachkräftemangel bis zu Cybersecurity und digitaler Souveränität.
Computerworld: Wie beurteilen Sie die aktuelle Verfassung der Schweizer ICT-Branche?
Claude Honegger: Der Schweizer ICT-Sektor ist grundsätzlich robust, befindet sich aber gleichzeitig in einer Phase des Wandels. Der Bedarf an ICT-Kompetenzen bleibt über alle Branchen hinweg hoch, und das Berufsfeld ICT wächst nach wie vor schneller als die Gesamtwirtschaft. Gleichzeitig sorgen die geopolitische Lage, die wirtschaftliche Unsicherheit und vor allem die rasante Entwicklung der künstlichen Intelligenz für Verunsicherung. Ich sehe keinen Einbruch, aber einen Strukturwandel. Die Frage ist, wie schnell Unternehmen und Mitarbeitende lernen, KI sinnvoll, und nur wo sinnvoll, einzusetzen und ihre Geschäftsmodelle und Produkte entsprechend weiterzuentwickeln.
CW: Wie haben sich Nachfrage und Investitionsverhalten in den letzten Jahren verändert?
Kurt Lanz: Die Nachfrage ist selektiver geworden, und das Argument «Digitalisierung» allein reicht oft nicht mehr aus. Die Kunden wollen einen klaren Business Case und weniger Projektrisiken sehen. Investiert wird dort, wo messbarer Nutzen, sprich Effizienzsteigerung, entsteht, etwa in KI und Automatisierung. KMU gehen dabei pragmatischer vor und starten kleiner. Die Budgets wachsen zwar langsamer als auch schon, aber laut aktuellen Marktdaten planen weiterhin rund sechs von zehn Schweizer Unternehmen eine Erhöhung ihrer ICT-Budgets. Trotz wirtschaftlicher Unsicherheit setzen die meisten weiterhin auf Technologie als Ankerpunkt ihrer Strategie. Ein wachsender Teil der Mittel fliesst dabei gezielt in KI, Sicherheit und digitale Souveränität. Für unsere Mitgliedsunternehmen heisst das: Wachstum ist da, aber es konzentriert sich auf klar priorisierte Themen.
CW: Wo liegen derzeit die grössten Wachstumschancen für Schweizer ICT-Unternehmen?
Honegger: Ich sehe drei besonders interessante Felder: Cybersecurity, Cloud und die Integration von KI in den Arbeitsalltag und in Geschäftsprozesse. Cybersecurity wird angesichts immer komplexerer und teilweise KI-gestützter Bedrohungen noch wichtiger. Gleichzeitig gewinnen europäische und Schweizer Cloud-Angebote an Bedeutung, weil Datenhoheit, Sicherheit und rechtsstaatliche und damit rechtliche Verlässlichkeit in einer zunehmend fragmentierten Welt wichtiger werden. Die grösste Chance sehe ich aber darin, KI nicht einfach als Technologie, sondern als Werkzeug für die Transformation von Unternehmen zu verstehen. Schweizer ICT-Unternehmen können hier ihre Stärke ausspielen: Qualität, Sicherheit, Vertrauen und die Fähigkeit, komplexe Technologien in konkrete Anwendungen zu übersetzen.
CW: Welche Risiken und Herausforderungen belasten Schweizer ICT-Anbieter derzeit am stärksten?
Lanz: Die Risiken sind zunehmend strategischer Natur: technologische Abhängigkeiten, geopolitische Spannungen, Cyberangriffe, knappe Schlüsselkompetenzen
und ein wenig innovationsfreundlicher Regulierungsrahmen. Gleichzeitig steigt der Investitionsdruck rund um neue Technologien. Für die Schweiz geht es um Resilienz, offene Märkte und internationale Anbindung, ebenso wie um genügend eigene Kompetenz, Wahlfreiheit und robuste digitale Infrastrukturen.
CW: Welche Themen und Sorgen beschäftigen die Mitglieder von swissICT aktuell besonders?
Lanz: Eine aktuelle Branchenumfrage bestätigt, was wir auch von unseren Mitgliedern hören: An erster Stelle stehen wirtschaftliche Sorgen wie unsichere Kundenbudgets und Margendruck, noch vor dem klassischen Fachkräftemangel. Hinzu kommen ganz praktische Fragen: Wie lässt sich KI produktiv und sicher einsetzen? Welche Skills brauchen die Teams von morgen? Wie reduzieren wir Cloud- und Cyberrisiken? Und wie organisieren wir Veränderungen schneller? Deshalb bleiben auch Lean, Agile und Scrum hochrelevant, nicht als Dogma, sondern als Werkzeug. Unser Employment Conditions Report zeigt zudem, dass fast alle Unternehmen Homeoffice ermöglichen, die meisten
dafür aber keine finanzielle Entschädigung bereitstellen. Das beschäftigt viele HR-Verantwortliche
ebenso wie die Frage, wie man Talente hält, wenn der Wettbewerb, wie von unserer ICT-Salärstudie nachgewiesen, um gesuchte Profile zunimmt.
CW: Wie stark verändert KI bereits heute die Geschäftsmodelle Schweizer ICT-Unternehmen?
Lanz: Sehr stark, zumindest in der Wahrnehmung. Die aktuelle Branchenumfrage zeigt, dass generative KI für 96 Prozent der befragten Schweizer ICT-Unternehmen ein wichtiges Thema ist. Eine andere Studie zeigt aber gleichzeitig, dass Schweizer Unternehmen beim tatsächlichen Einsatz generativer KI im internationalen Vergleich noch zögerlicher agieren, mit geringeren Investitionen und weniger konkreten Anwendungen als etwa in Europa oder den USA. Wer nur Stunden verkauft, wird stärker herausgefordert. Wer hingegen mit KI bessere Resultate und neue Services schafft, kann seinen Kundennutzen erhöhen. Bislang sind die Auswirkungen aber noch gering, und der eigentliche Umbruch der Geschäftsmodelle steht erst noch bevor.
CW: Wo stehen Schweizer Unternehmen beim Schritt vom KI-Pilotprojekt zum produktiven Einsatz?
Lanz: Immer mehr Schweizer Unternehmen verlassen die reine Experimentierphase und setzen KI zunehmend produktiv ein, vorausgesetzt, die nötige Sicherheitsarchitektur steht. Cyber-Security gilt dabei zunehmend als Voraussetzung für den KI-Einsatz, nicht als nachgelagertes Thema. Häufig fehlen aber noch saubere Daten, integrierte Prozesse und die erforderliche Governance. Grössere Unternehmen mit dedizierten KI-Teams sind zudem bereits spürbar weiter als KMU, die oft erst mit einzelnen Testprojekten beginnen. Unsere Empfehlung in dem Zusammenhang: klein starten, sicher integrieren, Wirkung messen und dann konsequent skalieren.
CW: Wie wird KI die Beschäftigung in der ICTBranche verändern, mehr Jobs schaffen oder abbauen?
Honegger: Beides wird passieren. KI wird bestimmte Tätigkeiten und damit auch Arbeitsplätze überflüssig machen. Gleichzeitig entstehen neue Aufgaben, neue Berufsbilder und neue Möglichkeiten. Wir sehen bereits erste Anzeichen dafür. In stark von KI betroffenen Berufen ist die Arbeitslosigkeit stärker gestiegen als in weniger exponierten Berufsfeldern. Besonders auffällig ist die Entwicklung bei Softwareentwicklern. Gleichzeitig befindet sich die Beschäftigung im gesamten ICT-Berufsfeld weiterhin auf einem sehr hohen Niveau. Routineaufgaben werden zunehmend automatisiert, während menschliche Stärken wie Urteilsvermögen, Kreativität und Kontextverständnis an Bedeutung gewinnen.
CW: Welche ICT-Berufe und Rollen werden durch KI besonders stark verändert oder neu entstehen?
Lanz: Am stärksten trifft es laut der KOF-Studie der ETH Zürich ausgerechnet Softwareentwicklung: KIModelle können dort Schätzungen zufolge über 90 Prozent der Tätigkeiten in der halben Zeit erledigen. Entsprechende Jobs stehen zum Teil bereits unter Druck. Gleichzeitig entstehen dafür auch neue Berufsbilder rund um KI-Governance, Datenqualität und die fachliche Validierung von KI-Ergebnissen. Wer heute breites technisches Grundverständnis mit Urteilsvermögen kombiniert, wird stärker gefragt sein. Reine Umsetzungsarbeit, zum Beispiel im Bereich Testing, Support oder technische Dokumentation, wird dagegen deutlich weniger gefragt sein.
CW: Die ICT-Löhne stiegen 2025 nur um 0,4 Prozent. Hat sich der Fachkräftemangel entschärft oder verlagert?
Lanz: Der Fachkräftemangel ist nicht verschwunden, sondern differenzierter geworden. Unsere Salärstudie zeigt: 2025 waren es 0,4 Prozent, 2026 sind es sogar nur noch 0,2 Prozent. Das ist das Ende des Post-Corona-Booms, in dem die Löhne noch 1,7 bis 1,8 Prozent pro Jahr zulegten. Aber der Median verdeckt, dass sich die Schere öffnet: Auf der Senior-Expert-Stufe stieg der Lohn, während das untere Management sogar leicht verliert. Der Markt zahlt also nicht mehr pauschal mehr, sondern gezielter für knappe Kompetenzen. Besonders gefragt bleiben dabei erfahrene Spezialisten mit Architektur-, Security-, Daten-, KI- oder Branchenkompetenzen.
CW: Wird KI den Marktwert einzelner ICT-Rollen verändern, mit Gewinnern und Verlierern bei Nachfrage und Lohn?
Honegger: Ja, und dieser Wandel hat bereits begonnen. Unsere Salärstudie zeigt beispielsweise, dass die Fachkarriere lohnmässig zum mittleren Management aufgeschlossen hat. Senior Experts verdienen heute im Median rund 178’000 Franken und damit mehr als das mittlere Management. Für mich ist das ein Hinweis auf eine grundsätzliche Entwicklung. Technische und fachliche Tiefe gewinnt wieder an Bedeutung. Gleichzeitig werden ICT-Fachleute wichtiger, die komplexe IT-Landschaften übergreifend verstehen und steuern können. Unternehmen werden künftig eine Vielzahl spezialisierter KI-Lösungen mit bestehenden, teilweise jahrzehntealten Enterprise-Systemen verbinden müssen. Dafür braucht es übergreifende System- und Datenarchitektur. Gefragt sein werden also Menschen, die Technologieverständnis, Architekturkompetenz, Leadership und gesunden Menschenverstand verbinden. Dazu gehört auch zu verstehen, wo KI (noch) nicht eingesetzt werden soll. Ich weiss von Firmen, die viel Geld in KI investiert haben, ohne dabei echten Mehrwert zu schaffen.
CW: Drohen durch KI klassische Junior-Rollen zu verschwinden und damit wichtige Einstiegswege in die ICT?
Honegger: Darin sehe ich eine der grössten Herausforderungen. Wir müssen aufpassen, dass KI nicht ausgerechnet dort Arbeitsplätze verdrängt, wo junge Menschen bisher ihren Einstieg in die Berufswelt gefunden haben. Bei den Stellenanzeigen für Berufseinsteiger ist bereits ein deutlicher Rückgang zu beobachten. Wir stehen als Sektor in der Verantwortung und müssen deshalb neue Wege finden, wie junge Mitarbeitende mit Unterstützung von KI produktiv eingesetzt und gleichzeitig ausgebildet werden können. Gerade Lehrbetriebe und Unternehmen haben hier eine grosse Verantwortung.
CW: Welche Kompetenzen werden für ICT-Fachkräfte künftig wichtiger, welche verlieren an Bedeutung?
Lanz: Die Verschiebung von Junior- zu Seniorprofilen zeigt die Richtung: Gefragt ist zunehmend, wer KIgenerierte Ergebnisse kritisch prüfen und fachlich verantworten kann, also Kreativität, Urteilsvermögen und Erfahrung, nicht reine Ausführung. Auch Kommunikation, Projektmanagement und branchenspezifisches Fachwissen gewinnen an Gewicht, weil Technik zunehmend zur Commodity wird. Ebenso Lean, Agile und Scrum, da KI die Geschwindigkeit und den Veränderungsdruck erhöht. An Bedeutung verliert hingegen reines Auswendigwissen von Syntax oder Tools: Das lässt sich mit KI-Unterstützung schnell nachschlagen oder generieren.
CW: Was müssen Politik, Wirtschaft und Bildung tun, damit der ICT-Standort Schweiz wettbewerbsfähig bleibt?
Lanz: Wir brauchen drei Dinge: gute Rahmenbedingungen, Talente und Umsetzungskraft. Es fehlen zudem weiterhin wichtige Fachkräfte: Gemäss der Bedarfsprognose 2033 von ICT-Berufsbildung Schweiz braucht die Schweiz bis 2033 rund 128’600 zusätzliche ICT-Fachkräfte, wohlgemerkt über die ganze Wirtschaft hinweg, nicht nur bei ICT-Unternehmen selbst, also auch bei Banken, Versicherungen oder der Industrie. Selbst mit Absolventinnen und Zuwanderung bleibt davon eine Lücke von rund 54’400 Fachkräften, die zusätzlich ausgebildet werden müssen. Um diese Herausforderung meistern zu können, müssen Berufsbildung, Hochschulen, Start-ups, Scale-ups und «Women in ICT» gestärkt werden. Ebenso Cyber-Security als Basis jeder Digitalisierung.
CW: Welche Rolle soll swissICT künftig spielen, und woran wollen Sie den Erfolg der neuen Führung messen?
Lanz: swissICT soll die Plattform sein, auf der sich die digitale Schweiz über Unternehmens- und Branchengrenzen hinweg trifft: mit Anbietern, Anwendern, Fachkräften, Bildungsvertretern, Start-ups und der öffentlichen Hand. Zudem soll swissICT die Stimme des Sektors und unserer Mitglieder gegenüber Politik und Öffentlichkeit sein und einen konkreten Nutzen bieten, von Wissen über Networking bis zu verlässlichen Marktdaten wie der Salärstudie. ICT bleibt volkswirtschaftlich zentral, aber der Markt wird anspruchsvoller, und KI verschiebt Wertschöpfung und Kompetenzen. Die Schweiz hat ausgezeichnete Voraussetzungen, muss aber bei Talenten, Sicherheit, Innovation und Rahmenbedingungen noch besser werden. swissICT versteht sich als verbindende Plattform für diese Transformation.
Honegger: Wir wollen auf den bestehenden Stärken von swissICT aufbauen. Unsere Events, Services und Produkte bieten bereits heute einen grossen Mehrwert. Diesen wollen wir noch bekannter machen und gezielt weiterentwickeln. Gleichzeitig wollen wir unsere Mitglieder, Einzelmitglieder wie Unternehmen, in jeder Phase ihrer Entwicklung unterstützen. swissICT soll eine Plattform bieten, auf der sich unternehmens- und branchenübergreifend ICT-Spezialisten und Firmen austauschen und voneinander lernen können.
CW: Vielen Dank für das Gespräch.