2. Juni 2026

Vertrauen als Verteidigungsstrategie

Digitale Souveränität beginnt mit Vertrauen. Estland zeigt, wie ein demokratischer Staat im KI-Zeitalter durch Rechtsstaatlichkeit, Cybersicherheit und konsequente Datenhoheit der Bürger:innen Resilienz schafft. Ein Kommentar von Liisa Pakosta, Ministerin für Justiz und digitale Angelegenheiten in Estland.

Digitale Souveränität: Das Prinzip Estland

 

Estland ist weltweit eines der fortschrittlichsten Länder in Sachen Digitalisierung und setzt einen besonderen Fokus auf grundlegende Voraussetzungen für das KI-Zeitalter: öffentliches Vertrauen, Cybersicherheit und die Kontrolle der Bevölkerung über persönliche Daten. Diese Elemente sind untrennbar miteinander verbunden.

Sie bilden die staatliche und gesellschaftliche Grundlage, auf der digitale Regierungsführung nachhaltig funktionieren kann. Für Estland ist digitale Resilienz keine rein technologische Frage. Die geopolitische Realität neben Russland hat gezeigt, dass Widerstandsfähigkeit letztlich auf Vertrauen beruht – Vertrauen in Institutionen, in rechtliche Schutzmechanismen und in die Beziehung zwischen Staat und Bevölkerung. Beispielsweise setzen autoritäre Systeme KI oft als Instrument zur Überwachung ein, während demokratische Staaten eine grundsätzlich andere Logik verfolgen: KI soll die Handlungsfähigkeit der Einzelnen stärken. Denn im digitalen Zeitalter entsteht Stabilität durch eine vertrauensbasierte Zusammenarbeit zwischen Staat, Wirtschaft und Gesellschaft.

Die Schweiz ist für Estland eine wertvolle Partnerin. Als langjährige Demokratie mit starker Tradition in Föderalismus und technologischer Exzellenz verbindet sie Stabilität mit Innovationsführerschaft. Im Jahr 2025 feierten Estland und die Schweiz 100 Jahre Handelsbeziehungen. Bei einem Besuch in der Schweiz anlässlich des Jubiläums wurde deutlich, dass die Zusammenarbeit nicht nur auf einer gemeinsamen Geschichte gründet, sondern sich zunehmend an einer gemeinsamen Zukunft orientiert.

 

Der Staat als Wegbereiter

Das Ziel ist es, ein System zu stärken, in dem die Bürger:innen die Kontrolle über ihre Daten und Entscheidungsprozesse haben. Estland versucht nicht, den Markt zu steuern oder private Initiativen zu ersetzen. Stattdessen werden fördernde Rahmenbedingungen geschaffen. Estland hat früh ein sicheres digitales Identitätssystem (eID) und eine Datenaustausch-Plattform (X-Road) aufgebaut. So entstand die Basis für gemeinsame digitale Lösungen von Staat und Unternehmen.

Heute sind in Estland fast alle öffentlichen Dienstleistungen online zugänglich. Mehr noch: Das Modell ist wirtschaftlich messbar. Dank eingesparter Arbeitszeit in der Administration erfolgt eine Steigerung des BIP um 2%. Eine Effizienzsteigerung, die Zeit für Unternehmertum, Gesellschaft und Innovation schafft.

 

Lehren aus Wikipedia

An der Universität Zürich habe ich eine Vorlesung von Wikipedia-Gründer Jimmy Wales über die «Sieben Regeln des Vertrauens» besucht. Das Prinzip und der Erfolg von Wikipedia verdeutlichen: Systeme, die ihren Nutzer:innen vertrauen, gewinnen mit höherer Wahrscheinlichkeit auch deren Vertrauen. Für Estland ist dieses Prinzip keine reine Theorie. In einem geopolitischen Umfeld, in dem digitale Einmischung ein konkretes Risiko darstellt, ist digitale Souveränität eng mit der nationalen Sicherheit verbunden. Ein demokratischer Digitalstaat kann sich jedoch nicht allein auf technische Sicherheitsvorkehrungen verlassen. Entscheidend ist die demokratische Legitimität, die aus Transparenz, Rechtsstaatlichkeit und gesellschaftlicher Akzeptanz entsteht.

Wenn Bürger:innen dem Umgang des Staates mit ihren Daten vertrauen, nutzen sie digitale Dienste freiwillig und tragen aktiv zu deren Verbesserung bei. Estland steht derzeit kurz vor der landesweiten Einführung eines obligatorischen DatenTrackers. Dieses System erlaubt es jeder Person nachzuvollziehen, welche Behörde wann und zu welchem Zweck auf ihre Daten zugegriffen hat.

 

IT-Sicherheit als öffentlich-private Verantwortung

Cyberabwehr wird nicht als ausschliessliche Aufgabe des Militärs oder der Nachrichtendienste verstanden, sondern als gemeinsame Verantwortung von Staat und Privatwirtschaft.

Private Unternehmen stellen dabei die erste Verteidigungslinie dar. Estland betreibt offene Kanäle für den Austausch von Bedrohungsinformationen und betrachtet private Akteur:innen als strategische Partner, statt als Risikofaktoren. IT-Fachexpert:innen aus dem Privatsektor bringen damit ihre Expertise aktiv in die nationale IT-Sicherheit ein. Das estnische Modell ähnelt in dieser Hinsicht dem milizbasierten Sicherheitsansatz der Schweiz, bei dem ziviles Engagement nationale Resilienz stärkt.

 

Souveräne KI und strategische Partnerschaft Estland-Schweiz

Mit der zunehmenden Integration von KI-Systemen in die öffentliche Verwaltung wird der Schutz der Souveränität zur strategischen Priorität. Digitale Souveränität bedeutet, Abhängigkeiten von externen Providern zu vermeiden und Kerninfrastrukturen demokratisch zu kontrollieren. Die Kooperation zwischen Estland und der Schweiz spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Der Austausch mit Schweizer Forschungsinstitionen, darunter die ETH Zürich sowie Partnerschaften mit verschiedenen Schweizer Unternehmen, unterstreichen die Bedeutung einer Zusammenarbeit in den Bereichen Deep Tech, Cybersicherheit und Biotechnologie. Estlands Mitgliedschaft bei der CERN und die akademischen Verbindungen zwischen estnischen und Schweizer Universitäten stärken dieses Netzwerk.

Mit der Einführung von generativer KI in der öffentlichen Verwaltung setzt Estland auf das Prinzip der «Sovereign AI». Das bedeutet, dass Systeme nach europäischem Recht arbeiten, die Grundrechte respektieren und dafür sorgen, dass die Bevölkerung die Kontrolle über ihre Daten und Entscheidungen behalten.

Estlands 20-jährige Erfahrung mit elektronischen Wahlen zeigt, dass digitale Lösungen, die auf Transparenz und Rechtssicherheit basieren, breite gesellschaftliche Akzeptanz erreichen können. Cybersicherheit und wertebasierte rechtliche Grundlagen bilden dabei die zentralen Bausteine für demokratische Wahlen.

 

Fazit

Estland und die Schweiz beginnen ein neues Kapitel ihrer Partnerschaft. Beide Länder müssen zeigen, dass Demokratien nicht nur ethisch besser dastehen, sondern auch strukturell und wirtschaftlich resilienter sind als autoritäre Systeme. Estlands Ansatz bei digitaler Verwaltung und KI folgt einem einfachen Prinzip: Technologie soll den Menschen helfen, nicht über sie entscheiden.

Im digitalen Zeitalter ist Vertrauen der wichtigste Schutz.

Autorin

Portrait Liisa Pakosta, Digitalministerin Estland

Liisa Pakosta hat diesen Beitrag für das swissICT-Mitgliedermagazin geschrieben. Sie ist Ministerin für Justiz und Digitale Angelegenheiten für Estland und setzt sich für einen digitalen Staat ein, der auf Rechtsstaatlichkeit, individuellen Freiheitsrechten und einer innovationsgetriebenen Wirtschaft basiert.

Liisa Pakosta war Ehrengast und Laudatorin am Digital Economy Award 2025.

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