31. März 2026

Digitale Souveränität: Zwei Perspektiven

Digitale Souveränität ist ein zentrales Thema für Wirtschaft und Verwaltung in der Schweiz. Doch was bedeutet sie konkret und welche Rolle spielen Open Source, internationale Cloud-Provider und staatliche Steuerung? Wir haben Matthias Stürmer (BFH) und Marc Holitscher (Microsoft Schweiz) identische Fragen gestellt und geben beiden Raum für ihre Einordnung.

Was verstehen Sie unter «Digitaler Souveränität»? Der Begriff wird sehr unterschiedlich verwendet. Was bedeutet er für die Schweiz aus Ihrer Sicht und wo sehen Sie die grösste Gefahr von Missverständnissen in der aktuellen Debatte?

Marc: Digitale Souveränität bedeutet in erster Linie, selbstbestimmt und unabhängig an der digitalen Wertschöpfung teilhaben zu können. Es bedeutet, dass die Kontrolle bei den Unternehmen respektive öffentlichen Organen liegt. Kontrolle darüber, wo die eigenen Daten gespeichert sind. Kontrolle darüber, wer darauf zugreifen kann. Kontrolle darüber, wie sie geschützt werden.

Gleichzeitig geht es darum, die Innovationskraft, also die Verfügbarkeit und die Nutzungsfähigkeit von relevanten Schlüsseltechnologien gezielt zu ermöglichen, beispielsweise der künstlichen Intelligenz. Gleiches gilt für die Cybersicherheit, welche zentral ist: Sicherheit ist die Grundlage für digitale Souveränität. Deshalb investieren wir dauerhaft in den Schutz unserer Plattformen und teilen unsere Erkenntnisse proaktiv, um Schweizer Kund:innen in einer zunehmend komplexen Bedrohungslage verlässlich zu unterstützen. Ein Beispiel ist der Microsoft Digital Defense Report, der jährlich veröffentlicht wird.

Dieses Verständnis von digitaler Souveränität deckt sich auch mit der Haltung des Bundesrats, welcher sie als Sicherung staatlicher Handlungsfähigkeit definiert, wobei der Resilienz eine grosse Bedeutung beigemessen wird.

In der aktuellen Debatte wird der Begriff zunehmend breit verwendet und mit unterschiedlichen Bedeutungen und Emotionen belegt. Das kann eine strukturierte und faktenbasierte Diskussion erschweren. Genau deshalb setzen wir uns für eine Versachlichung der Debatte ein.

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Matthias: Zunächst ist es wichtig, Souveränität nicht mit Autarkie zu verwechseln. Der deutsche BITKOM-Verband hat schon 2015 eine Publikation veröffentlicht, in der er die drei Begriffe Fremdbestimmung, Souveränität und Autarkie differenziert erläutert. Mit Blick auf die Fremdbestimmung lässt sich sagen, dass heute viele Bereiche unserer Informatik von ausländischen Firmen kontrolliert werden. Sie steuern unsere Software, unsere Daten, unsere KI-Lösungen und bestimmen, unter welchen Nutzungsbedingungen, Sicherheitsbestimmungen und kommerziellen Spielregeln wir damit arbeiten dürfen.

Theoretisch wäre es möglich, sämtliche Programme selbst zu entwickeln, alles auf eigenen Servern zu betreiben und die Hardware selbst zu produzieren. Damit wären wir zwar autark, doch dies wäre extrem teuer. Zudem müssten wir auf viele Funktionen verzichten, was letztlich zu einem grossen Wohlfahrtsverlust führen würde – was heute beispielsweise in Nordkorea der Fall ist.

Der ideale Mittelweg ist die Souveränität. Im digitalen Raum lässt sie sich durch die Wiederverwendung bestehender Technologien realisieren – beispielsweise durch Open-Source-Software-Komponenten, Open-Source-KI-Modellen, Open-Standards und so weiter. Alternativen schaffen Wahlmöglichkeiten sowie Handlungs- und Verhandlungsspielräume. Diese Unabhängigkeit respektive Autonomie führt letztlich zu mehr Wettbewerb und Innovation sowie zu Kollaboration und Community-Building.

Für uns in der Schweiz ist das ideal, denn wir haben einen starken IT-Sektor mit vielen kompetenten Fachleuten und grossen Rechenzentren. Die Software können wir von internationalen Open-Source-Communitys übernehmen und darauf aufbauend passende Lösungen entwickeln sowie Cloud-Dienste anbieten. Zudem haben wir die Möglichkeit, diese Open-Source-Projekte aktiv mitzugestalten durch Code-Beiträge, benutzerfreundliches User Interface Design, fundierte Dokumentationen und Übersetzungen in alle Landessprachen usw.

 

Wie weit sollte Digitale Souveränität Ihrer Meinung nach gehen?

Matthias: Wir sollten zweigleisig vorgehen: Einerseits müssen wir pragmatisch in unseren jeweiligen Organisationen prüfen, wo sich kurzfristig und mit möglichst wenig Aufwand die digitale Souveränität konkret verbessern lässt. Ein Beispiel ist die Dokumentenspeicherung: Mit Nextcloud steht eine etablierte Open-Source-Lösung zur Verfügung, die sich einfach installieren und benutzerfreundlich anwenden lässt. An der BFH nutzen wir Nextcloud seit vielen Jahren und können so sensible Daten auf unseren eigenen BFH-Servern speichern, ohne Datenschutzprobleme und ohne unkontrollierte Zugriffsmöglichkeiten durch Dritte. Auch im Bereich der künstlichen Intelligenz gibt es viele Möglichkeiten, zum Beispiel Open-Source-KI-Modelle digital souverän anzupassen und zu betreiben, sodass wir nicht von ChatGPT oder Co-Pilot abhängig sind.

Andererseits müssen wir in unseren IT-Abteilungen strategisch vorgehen und prüfen, wie wir langfristig Abhängigkeiten von ausländischen Technologie-Unternehmen reduzieren können. Das bedingt beispielsweise Vorgaben bei IT-Beschaffungen, die Lösungen basierend auf Open-Source-Technologien bevorzugen, welche von mehreren Firmen angeboten werden. Ebenso wichtig ist es, Entscheidungsträger:innen, Projektleitende und Informatikmitarbeitende dafür zu sensibilisieren, warum digitale Souveränität wichtig ist und wie wir diese mittels Reduktion von Herstellerabhängigkeiten und durch den Einsatz von Open-Source-Technologien stärken können.

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Marc: Digitale Souveränität ist kein fixer Zustand, hat aber viel mit der Möglichkeit zur selbstbestimmten Gestaltung zu tun. Zum Beispiel unter welchen Bedingungen man relevante Technologien oder Dienste beziehen oder konsumieren will. Hierzu stehen wir kontinuierlich mit unseren Kund:innen im kommerziellen und öffentlichen Sektor im Dialog. Wir möchten ihre Anforderungen und Bedenken verstehen und wie sich diese entwickeln.

Viele unserer Investitionen und Produktentwicklungen der letzten Jahre gehen unmittelbar auf diese Gespräche zurück. Die Anforderungen betreffend Datenschutz und -sicherheit, Transparenz, resilienten Architekturen oder robusten Vertragsgarantien sind schon seit Jahren zentrale Themen – zum Beispiel im Bereich der regulierten Industrien, insbesondere der Finanzbranche.

Konkret ist in der Schweiz die Inbetriebnahme unserer lokalen Rechenzentren im Jahr 2019 eine unmittelbare Folge dieses Dialogs, ebenso wie die Verfügbarkeit von fortgeschrittenen Verschlüsselungstechnologien oder lokalisierten Rechtsgarantien. Die Customer Lockbox, ein Sicherheitsmechanismus, der sicherstellt, dass Microsoft selbst zu Supportzwecken nur nach expliziter Freigabe durch Kund:innen auf Kundendaten zugreifen darf, geht direkt auf die Bedürfnisse eines Schweizer Kunden zurück.  

Was ich damit sagen möchte: Die Schweiz – ihre Unternehmen, Behörden und Datenschützer:innen – bestimmt massgeblich, wie wir unsere Technologien und Dienste hier anbieten.

 

Eigenleistung oder (bewusste) Abhängigkeit: Welche digitalen Fähigkeiten und Infrastrukturen sollte der Staat zwingend selbst kontrollieren? Bei welchen ist eine bewusste Abhängigkeit von (internationalen) Providern vertretbar oder sogar sinnvoll?

Matthias: Der Staat sollte bei Beschaffung und Betrieb der Informatik umdenken. In der Vergangenheit wurden oftmals attraktive Produkte von Microsoft, Oracle oder SAP eingeführt, ohne dass sich die Verantwortlichen ausreichend Gedanken über die langfristigen Auswirkungen machten. Faktisch wurde die Software nicht gekauft, sondern bloss ein Nutzungsrecht erworben. Das geistige Eigentum blieb beim Provider, der so über die letzten 20 Jahre hinweg seinen Einfluss auf die Verwaltung ausbauen konnte.

Heute kontrolliert der Staat wesentliche Teile seiner digitalen Infrastruktur nicht selbst, sondern ist von ausländischen Providern abhängig. Dies wird unter anderem sichtbar durch IT-Beschaffungen in Milliardenhöhe, die grösstenteils ohne Wettbewerb im freihändigen Verfahren an dieselben Unternehmen vergeben werden. Das ist schlecht für die digitale Souveränität und den Schweizer IT-Sektor: Einheimischen Informatikfirmen entgehen dadurch Aufträge in Milliardenhöhe.

Der Staat sollte grundsätzlich seine digitale Infrastruktur so konzipieren, dass möglichst keine einseitigen Abhängigkeiten zu einzelnen Providern entstehen. Das mag auf den ersten Blick utopisch erscheinen, doch der heutige Zustand ist ebenso fragwürdig. Gemäss Beschaffungsgesetz wäre vorgesehen, dass der Staat jegliche Dienstleistungen regulär ausschreiben kann und dann den innovativsten Provider mit dem vorteilhaftesten Angebot auswählt. Dies fördert Wertschöpfung und schafft attraktive Arbeitsplätze. Voraussetzung ist, dass der Staat selber bestimmen kann, wer seine IT-Infrastruktur betreibt und weiterentwickelt. Das ist möglich, wenn Software auf eigenen Servern in eigenen Rechenzentren läuft oder zumindest ohne grossen Aufwand gewechselt werden kann. Schlussendlich entscheidend ist die Wechselfähigkeit, die der Staat nicht aufgeben darf.

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Marc: Die Antwort hierauf sollte Ergebnis einer ganzheitlichen Risikoabklärung sein. Diese muss verschiedene Fragen beleuchten, beispielsweise: Wie kritisch ist eine bestimmte Technologie für die Erfüllung von zentralen Staatsaufgaben und über welche Mechanismen lässt sie sich kontrollieren? Entscheidend ist dabei eine realistische, faktenbasierte Bewertung der relevanten Risiken. Dabei ist zu unterscheiden zwischen unterschiedlichen Risikoarten – zum Beispiel operative Risiken wie Cyberbedrohungen – die je nach Anwendungsfall unterschiedlich ins Gewicht fallen. Auf dieser Grundlage kann bewusst abwägt werden, welche Risiken akzeptabel sind, welche sich durch technische, organisatorische oder vertragliche Massnahmen steuern lassen und wo ergänzende oder alternative Lösungen sinnvoll sind.

Zudem sollte die Diskussion auf verschiedenen Ebenen geführt werden. Einerseits ist eine technische Grundkompetenz hilfreich, damit die Leistungsfähigkeit einer bestimmten Lösung informiert beurteilt werden kann. Es ist aber ebenso eine strategische Diskussion, in der Themen wie zum Beispiel Sicherheit oder Wettbewerbsfähigkeit relevant sind.

Wir konzentrieren uns auf den ersten Teil der Aufgabe, indem wir die in der Schweiz verfügbaren Massnahmen und technischen Architekturen aufzeigen und wie diese das Spektrum an Souveränitätsbedenken adressieren. Zielgerichtet, faktenbasiert und auf den konkreten Anwendungsfall fokussiert. Wir tun dies zusammen mit unseren über 4600 Partnerunternehmen in der Schweiz, welche uns bei der konkreten Umsetzung unterstützen. Wie erwähnt basiert das Lösungsportfolio selbst stark auf den Rückmeldungen und Anforderungen, wie sie die öffentlichen Organe im direkten Austausch mit uns darlegen.

 

Abhängigkeit: Risiko oder Realität? In der öffentlichen Diskussion wird häufig vor technologischen und politischen Abhängigkeiten gewarnt. Wo sehen Sie reale Risiken und wo wird aus Ihrer Sicht mit dem Begriff der Abhängigkeit politisch oder emotional überzeichnet?

Marc: In einer Welt, die von exponentiellen Technologien sowie Skalen und Netzwerkeffekten geprägt ist, lässt sich die Entwicklung und Bereitstellung moderner Technologieplattformen nicht vollständig autark bewältigen. Diesbezüglich herrscht weitgehend Einigkeit. Die Frage ist dann, wie man mit dieser Realität umgeht und sie sinnvoll bewirtschaftet.

Unser Land verfügt über einen vielfältigen und gut funktionierenden Markt von unterschiedlichsten Providern: lokale Hoster, Softwareentwickler:innen, spezialisierte Startups, internationale Cloud-Provider. Diese offerieren ein breites Portfolio an Lösungen und wie sie kombiniert werden können – basierend auf Kritikalität und Schutzbedarf der geschäftstragenden Prozesse und Daten. Zudem haben wir uns über die letzten Jahre zu einem Epizentrum für die Entwicklung zukunftsträchtiger Technologien wie beispielsweise der künstlichen Intelligenz etabliert. Hierzu haben viele Aspekte beigetragen, darunter sicher auch die Investitionen internationaler Konzerne in die Infrastruktur und das Humankapital der Schweiz.

Die Kombination aus einem diversifizierten Technologieangebot, hoher Innovationskraft und gezielten Investitionen macht die Schweiz zu einem Standort, der auch in Zeiten der geopolitischen Volatilität robuste, praxistaugliche und sichere digitale Lösungen entwickeln und betreiben kann. Das Land bringt alles mit, um diese Gestaltungsräume selbstbewusst zu nutzen.

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Matthias: Bis vor Kurzem war klar: Software aus Russland oder China sollte möglichst vermieden werden, amerikanische Produkte hingegen waren kein Problem. Vor einem Jahr war es noch unvorstellbar, dass eine amerikanische IT-Firma die politischen Interessen ihrer Regierung durchsetzt und beispielsweise den Datenzugriff von Mitarbeitenden eines internationalen Strafgerichtshofs sperrt.

Die heutige Realität zeigt: Wenn es hart auf hart kommt, sind ausländische Unternehmen ihrem Ursprungsland stärker verpflichtet als ihrem Schweizer Klientel. Damit ist ein bisher eher theoretisches geopolitisches Risiko plötzlich real geworden. Der Schweizer Staat und Schweizer Firmen müssen damit rechnen, dass US-Techfirmen im Auftrag der Trump-Regierung handeln und entsprechende Interessen durchsetzen. Ich gehe nicht davon aus, dass sich diese Situation bei einem allfälligen Regierungswechsel in drei Jahren einfach wieder normalisiert. Dieses Vertrauen in amerikanische Tech-Konzerne ist in der Schweizer Bevölkerung langfristig beschädigt.

 

Welche Rolle sollte Open Source Software für die digitale Souveränität der Schweiz spielen? Handelt es sich um eine strategische Grundentscheidung, eine Ergänzung zu bestehenden Angeboten oder primär einen Effizienz- und Innovationsfaktor?

Matthias: Open Source Software ist in der modernen Informatik eine Realität. Sämtliche Provider – insbesondere auch Microsoft – nutzen das Potenzial von Open Source und viele Firmen sowie Behörden veröffentlichen eigenen Code unter Open-Source-Lizenzen. Mit dem EMBAG (Bundesgesetz über den Einsatz elektronischer Mittel zur Erfüllung von Behördenaufgaben) verpflichtet Artikel 9 alle zentralen und dezentralen Bundesstellen ihre eigene Software unter Open-Source-Lizenzen freizugeben. Das fördert Innovation und Effizienz in der Digitalisierung, schafft attraktive Arbeitsplätze im Schweizer IT-Sektor und stärkt die digitale Souveränität. Ausserdem erhöhen Investitionen in Open Source Software die inländische Wertschöpfung, wie Studien zeigen. Gemäss Berechnungen (siehe EU-Studie) könnte die Schweiz ihre Wirtschaftsleistung um jährlich mindestes 3 Milliarden Franken steigern, wenn 10% mehr in Open-Source-Technologien investiert würde. All diese Aspekte belegen, dass eine Förderung von Open Source Software sowohl wirtschaftlich wie auch geopolitisch Sinn macht.

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Marc: Microsoft engagiert sich schon sehr lange und intensiv im Bereich Open Source. Als ich vor 20 Jahren bei der Firma angefangen habe, war ich in der Schweiz für Open Source zuständig. Laut dem Open Source Contributor Index zählt Microsoft mit derzeit 5364 aktiven Mitwirkenden und 11 801 Community-Mitgliedern weltweit zu den führenden OpenSourceAkteurinnen.

Schliesslich hängt digitale Souveränität auch eng mit Datenportabilität und offenen Standards zusammen. Wenn Systeme so aufgebaut sind, dass Informationen in gängigen Formaten exportiert und bei Bedarf einfach auf andere Plattformen übertragen werden können, bleibt die technologische Handlungsfähigkeit erhalten. 

Marc, Warum sollte nach Ihrer Auffassung auf proprietäre Software gesetzt werden und warum stärkt dies die digitale Souveränität?

Open Source und andere Entwicklungs- und Geschäftsmodelle sind komplementär und ihre Kombination erweitert das Spektrum wie Souveränitätsbedenken adressiert werden können. Das zeigt sich zum Beispiel im KI‑Bereich: Heute werden in der Microsoft‑Cloud mehr als 1.800 KI‑Modelle bereitgestellt – ein grosser Teil davon sind Open‑Source‑Modelle, unter anderem von europäischen Entwickler:innen.

 

Matthias, warum sollte Ihrer Meinung nach stärker auf Open Source Software gesetzt werden und warum stärkt dies die Digitale Souveränität?

Wie bereits erläutert profitieren bei klarer Fokussierung auf Open Source Software sowohl die Informatiknutzenden (Behörden, Bildungsinstitutionen, Gesundheitswesen, Privatwirtschaft etc.) als auch der nationale IT-Sektor. Gleichzeitig steigt die digitale Souveränität, weil das in der Schweiz vorhandene IT-Know-how weiter gestärkt wird und weil mehr Firmen Dienstleistungen rund um Open-Source-Technologien vertreiben können, auch international.

 

Cloud-Technologien sind heute zentral für Innovation und Skalierbarkeit, werfen aber Fragen zu Datenhoheit und Kontrolle auf. Wie kann die Schweiz Cloud-Nutzung und Kontrolle über die Daten miteinander verbinden, ohne Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren?

Marc: Machen wir es an einem Beispiel konkret: Die Microsoft Cloud-Lösungen stellen vielfältige technische, organisatorische und vertragliche Kontrollen bereit, damit unsere Kund:innen relevante Risiken aktiv steuern und gleichzeitig ihre Innovationskraft maximieren können. Dazu gehört die Möglichkeit, Daten abhängig vom Schutzbedarf so zu verschlüsseln, dass Microsoft keinen Zugriff darauf hat. Heute können sogar komplexe Modelle der künstlichen Intelligenz so betrieben werden – indem sie auf der Confidential-Computing-Technologie aufsetzen. Das ganze Spektrum an Lösungen ist in der Schweiz verfügbar, mit garantierter Datenspeicherung im Land. Gleiches gilt für die bevorzugte Betriebsform von kritischen Anwendungen. Diese können entweder ganz in der Cloud, in einer gemischten Umgebung oder ganz vor Ort vorgehalten werden, komplett isoliert vom Internet. Dies gilt gleichermassen für Produktivitätslösungen wie Microsoft 365. Und auch diese profitieren von den konzentrierten Cybersecurity-Investitionen, die wir tagtäglich in die Resilienz unserer Technologie tätigen.

Schweizer Unternehmen und auch Organe der öffentlichen Hand verfügen heute über einen hohen Reifegrad, wenn es um die risikobasierte Nutzung von diesen Möglichkeiten geht. Eindrückliches Anschauungsmaterial hierfür bieten die regulierten Industrien der Schweiz, insbesondere die Versicherungsbranche: Sie sind führend sowohl was ihre Wettbewerbsfähigkeit als auch die Adaption von Cloud-Technologien angeht.

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Matthias: Auch bei der Cloud-Nutzung ist die Anbieterabhängigkeit entscheidend für den Grad der digitalen Souveränität. Die entscheidende Frage lautet: Wie einfach kann der Cloud-Provider ausgewechselt werden? Dabei kommt es darauf an, welche Cloud-Services konkret genutzt werden. Sind das Infrastructure-as-a-Service-Leistungen (IaaS), also virtuelle Server, dann kann ein Wechsel relativ einfach vorgenommen werden. Auch bei Standard-Container-as-a-Services (CaaS) und auf Open-Source-Technologien basierten Platform-as-a-Services (PaaS) ist der Providerwechsel noch gut möglich. Werden allerdings spezialisierte, proprietäre Cloud-Services wie KI-Dienste für Bilderkennung oder Sprachverarbeitung (Natural Language Processing) eingesetzt oder gar proprietäre Software-as-a-Service-Lösungen (SaaS) wie Microsoft M365 oder SAP Cloud verwendet, dann ist die Providerabhängigkeit problematisch. Bei diesen Diensten sind die Software-Logik, alle Prozesse wie auch alle Daten in der Cloud. Damit sind User:innen vollständig von der Preis- und Produktstrategie des Providers abhängig und falls dieser im Ausland seinen Hauptsitz hat, von der Politik der jeweiligen Regierung.

 

Reden wir über die staatliche Steuerung durch Beschaffung. Die öffentliche Beschaffung gilt als zentraler Hebel für digitale Souveränität. Welche Leitplanken sollte der Staat setzen und wo besteht die Gefahr, Innovation, Wettbewerb oder technologische Offenheit zu beeinträchtigen?

Matthias: Wir sollten als Erstes einen neuen eCH-Standard für digitale Souveränität erarbeiten. Dieser würde transparent machen, was konkret in welcher Beschaffungssituation unter digitaler Souveränität zu verstehen ist. Entsprechende Bemühungen im In- und Ausland sind bereits im Gang, sodass wir das Rad nicht neu erfinden müssen. In einem zweiten Schritt können die Beschaffungsstellen entscheiden, welchen Stellenwert digitale Souveränität im Vergleich mit anderen Aspekten einer IT-Beschaffung haben soll und den eCH-Standard entsprechend anwenden.

In gewissen Bereichen wie in der Dokumentenspeicherung, beim E-Mail-Verkehr oder in der Büroautomation kann die Politik klare Vorgaben machen, dass sensible Daten die Schweiz nicht verlassen dürfen und kein Zugriff durch fremde Regierungen möglich sein soll. So hat beispielsweise eine Ausschreibung des Kantons Zürich vom November 2025 für eine KI-Plattform Providerunternehmen ausgeschlossen, die gemäss CLOUD Act verpflichtet wären, Daten an die US-Regierung herauszugeben (siehe simap.ch). Solche Einschränkungen machen Sinn, denn sie fördern die digitale Souveränität und stärken indirekt auch Schweizer Anbieter:innen.

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Marc: Die Schweiz verfügt heute mit ihrer technologieneutralen und ergebnisorientierten Ausrichtung über einen Ansatz, der sich in der Praxis erfolgreich bewiesen hat. Ein souveräner digitaler Markt lebt von Vielfalt: lokale Provider, Open-Source-Lösungen, spezialisierte KMU, internationale Infrastrukturen. Die Rahmenbedingungen sollen anspruchsvoll sein, aber den Wettbewerb um die beste Lösung offenhalten. So entsteht ein Ökosystem, das sowohl resilient als auch innovativ ist – und genau davon profitiert die Schweiz als Technologie- und Wirtschaftsstandort.

 

Zu guter Letzt: Woran würden Sie in fünf Jahren erkennen, dass die Schweiz beim Thema digitale Souveränität einen guten Weg eingeschlagen hat? Woran würden Sie festmachen, dass sie Chancen verpasst hat?

Marc: Angesichts ihrer bisherigen Entwicklung bin ich zuversichtlich, dass die Schweiz ihre Chancen nutzen kann. Absolut zentral ist, dass wir uns um eine Versachlichung der Debatte bemühen, transparent und faktenbasiert entscheiden. Wer digitale Souveränität gestalten will, darf den Horizont nicht auf den eigenen Standpunkt begrenzen, sondern sollte ganzheitlich und realistisch Risiken abschätzen, technologisch nach vorne gerichtet sein und dementsprechend Entscheidungen treffen.

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Matthias: Aktuell arbeiten wir daran, eine staatliche Schweizer Stelle für digitale Souveränität zu gründen, die den öffentlichen Sektor bei Fragen rund um Open-Source-Lösungen, Cloud-Services und Open-Source-KI-Plattformen unterstützen kann. Wenn somit in fünf Jahren dieses Zentrum mit ausreichend Personal und stabiler Finanzierung etabliert ist, wäre dies ein wichtiger Beitrag zu digitaler Souveränität in der Schweiz. Zusätzlich braucht es auch einen erfolgreichen Schweizer IT-Sektor, der kompetente und kompetitive Dienstleistungen für Open-Source-Technologien für inländische und ausländische Kund:innen anbietet. Die IT-Beschaffungspraxis muss sich bis in fünf Jahren ebenso verändern. Es sollten keine Produkte mehr beschafft werden und keine unnötigen IT-Freihänder vergeben werden. Alle IT-Beschaffungen sollten auf offenen Ausschreibungen basieren, bei denen sich Schweizer IT-Firmen beteiligen können.

Wir verpassen Chancen, wenn wir weitermachen, wie bisher und lediglich neue Updates an proprietären Produkten vornehmen, die wir heute schon installiert haben. Dadurch werden bestehende Abhängigkeiten weiterwachsen, wir würden weiter Milliarden an ausländische Tech-Konzerne zahlen und der Schweizer IT-Sektor würde weiter an Wettbewerbsfähigkeit und Attraktivität einbüssen. Wichtig ist deshalb ein Umdenken und die konsequente Umsetzung der oben beschriebenen Schritte. 

 

Über die Interview-Partner

Matthias Stürmer ist Professor und Leiter des Instituts Public Sector Transformatzion an der Berner Fachhochschule BFH sowie Dozent am Institut für Informatik der Universität Bern. Zu seinen Schwerpunkten zählen Open Source Software, KI, Open Data, Open Government und öffentliche Beschaffung. 

Marc Holitscher ist National Technology Officer bei Microsoft Schweiz. In dieser Funktion beaufsichtigt er die Entwicklung von Microsofts Technologievision und -strategie und übersetzt innovative Technologien in wirtschaftliche Effekte und Ergebnisse für Kund:innen und andere Stakeholder.

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