30. April 2026
Die Schweiz im digitalen Zeitalter: Zwischen Resilienz & Kooperation

Häufig wird digitale Souveränität als technologische Autarkie missverstanden, also als vollständige Unabhängigkeit von ausländischen Produkten oder Diensten. Tatsächlich geht es aber nicht um Isolation, sondern um Handlungsfähigkeit in global verflochtenen digitalen Ökosystemen. Digitale Souveränität umfasst die Fähigkeit eines Staates oder einer Organisation, im digitalen Raum handlungsfähig zu bleiben, Risiken zu erkennen und auf sie zu reagieren – unabhängig davon, ob Daten, Infrastrukturen oder digitale Dienste im Inland oder international verortet sind. Dies hat der Bundesrat kürzlich in seinem Bericht Digitale Souveränität der Schweiz (1) dargelegt. Souverän ist, wer in jeder Situation über Alternativen verfügt und auf Ausfälle und Störungen rasch reagieren kann – ungeachtet dessen, ob diese durch technische Probleme, wirtschaftliche Lieferengpässe oder politische Druckversuche verursacht sind.
Bedeutung von Cyberresilienz
Die Vorbereitung auf Situationen, in denen die Verfügbarkeit, Vertraulichkeit und Integrität von Informationen beeinträchtigt ist, gehört zu den Kernaufgaben der Cybersicherheit. Cyberresilienz bezeichnet hingegen die Fähigkeit, digitale Sicherheit zu gewährleisten und auch bei eingeschränkter Verfügbarkeit digitaler Produkte und Dienstleistungen handlungsfähig zu bleiben. Eine gestärkte Cyberresilienz von Wirtschaft und Behörden bildet die Grundlage für souveräne Entscheidungen im digitalen Raum. Unternehmen müssen digitale Risiken aktiv managen, Kompetenzen in Cyber- und Informationssicherheit ausbauen und technologische Optionen prüfen, um ihre Wettbewerbs- und Handlungsfähigkeit zu sichern. Dies ist keine einfache Aufgabe und erfordert daher einen engen Wissensaustausch zwischen allen Beteiligten. Insbesondere der Dialog mit der Forschung sollte gefördert werden, da sie eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung neuer Technologien, Sicherheitstechniken und Standards spielt, die Vertrauen schaffen und zugleich Abhängigkeiten reduzieren.
Die Behörden wiederum tragen die Verantwortung, rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen, kritische Infrastrukturen beim Schutz vor Cyberbedrohungen zu unterstützen und durch strategische Planung und internationale Kooperation die Cyberresilienz zu stärken. Nötig sind dafür aus der Sicht der Cybersicherheit offene Standards, transparente Technologien und die Förderung von Open-Source-Lösungen.
Was tut die Schweiz?
Die Schweiz reagiert auf die zunehmende Bedeutung der Cyberresilienz strategisch und operativ. In der Sicherheitspolitischen Strategie der Schweiz 2026 (Vernehmlassungsentwurf) (2) ist die Stärkung der Cybersicherheit als Massnahme zur Stärkung der Resilienz definiert und somit klar als wichtiger Pfeiler der Sicherheitspolitik der Schweiz ausgewiesen. Die digitale Souveränität zählt zudem zu den zentralen Fokusthemen der Strategie Digitale Schweiz (3). Konkrete Massnahmen für die Verbesserung der Cyberresilienz legt dann wiederum die Nationale Cyberstrategie (4) fest, welche vom Bundesrat 2023 verabschiedet wurde.
Zur operativen Stärkung der Cyberresilienz hat das Parlament im Dezember beschlossen, die Mittel des Bundesamts für Cybersicherheit ab 2026 um 10 Mio. CHF und ab 2027 um weitere 5 Mio. CHF zu erhöhen (5). Dadurch kann der Schutz vor Cyberbedrohungen weiter ausgebaut und die Fähigkeiten für Prävention und Risikoanalyse erhöht werden. Die internationale Zusammenarbeit bleibt dabei unabdingbar, um die Cybersicherheit zu stärken und die digitale Souveränität zu sichern. Die Schweiz arbeitet im Bereich Cybersicherheit eng mit verschiedenen internationalen Partnern zusammen.
Diese Zusammenarbeit konzentriert sich auf mehrere Schlüsselfelder, darunter die Mitwirkung an internationalen Normierungs- und Standardisierungsprozessen, der Austausch und die Vertrauensbildung in multilateralen Foren, bilaterale Kooperationen im Cyber- und Sicherheitsbereich sowie der gemeinsame Schutz kritischer Infrastrukturen und der Umgang mit Cybervorfällen.
Zunehmende Bedeutung von digitaler Souveränität
Weltweit stellen technologische Dominanz und geopolitische Spannungen Staaten vor grosse Herausforderungen. Deutlich wird das mit Blick auf Europa, welches mittels Regulierung, Standardisierung und Innovationsförderung seine digitale Souveränität stärken und Abhängigkeiten von globaldominanten Technologieunternehmen reduzieren will.
International wird digitale Souveränität deshalb in naher Zukunft noch stärker als Sicherheitsfrage verstanden werden. Organisationen wie die NATO betonen bereits heute, dass Daten-, Betriebs- und Technologie-Souveränität essenziell für die Sicherheit moderner Staaten und ihrer militärischen wie zivilen Systeme ist. Dies unterstreicht den globalen Trend Cybersicherheit und digitale Handlungsfähigkeit als integrale Bestandteile nationaler Sicherheitspolitik.
Für die Schweiz stellen sich die gleichen Herausforderungen wie für alle europäischen Staaten. Als neutraler, hoch vernetzter Standort mit einer starken Wirtschaft und Forschungslandschaft sowie langfristig ausgerichteten Unternehmen, darunter zahlreiche Familienunternehmen, verfügt die Schweiz über gute Voraussetzungen, gezielt Nischenkompetenzen, wie beispielsweise in Kryptografie, vertrauenswürdigen Infrastrukturen und Sicherheitstechnologien auszubauen. Sie sollte dabei bewusst eine kooperative Rolle einnehmen, um als Brückenbauerin in internationalen Technologie- und Sicherheitsfragen zu wirken, ohne einseitige Abhängigkeiten zu schaffen.
Fazit
Digitale Souveränität ist kein statisches Ziel, sondern ein dynamischer, strategischer Prozess. Die Schweiz muss ihre Cyberresilienz kontinuierlich stärken, Risiken frühzeitig erkennen und Massnahmen laufend anpassen. Die erfolgreiche Umsetzung hängt von der engen Zusammenarbeit aller Akteur:innen und einem verantwortungsvollen Umgang mit neuen Technologien ab. Cybersicherheit bleibt damit eine langfristige, gemeinsame Aufgabe, die politische, technologische und gesellschaftliche Dimensionen umfasst.
Strategisch gestaltete Abhängigkeiten, vorausschauendes Risikomanagement und internationale Kooperationen bilden die Grundlage, um die digitale Handlungsfähigkeit der Schweiz nachhaltig zu sichern.
Verweise
1) www.news.admin.ch
2) www.sepos.admin.ch
3) www.digital.swiss
4) www.ncsc.admin.ch
5) Motion 25.3191 Salzmann «Ausreichende Mittel für die zivile Cybersicherheit»
