11. Mai 2026
«Cybersicherheit ist kein Nischenthema, sie ist Führungsfrage»

Liebe Alina, du wurdest letztes Jahr mit dem Digital Economy Award in der Kategorie The Pascal ausgezeichnet. Was bedeutet die Auszeichnung für dich?
Für mich bedeutet sie vor allem grosse Dankbarkeit. Cybersicherheit ist nie Einzelleistung, sondern Teamarbeit und gemeinsames Lernen. Die Auszeichnung gilt deshalb auch meinen Mentor:innen, Kolleg:innen, Studierenden und Partner, die meinen Weg geprägt haben.
Was sagt die Auszeichnung über die Bedeutung von IT-Security heute aus?
Wir sprechen noch immer über Cybersicherheit, als handle es sich vor allem um eine Frage technischer Hygiene. Mein Sieg zeigt, dass Cybersicherheit kein Nischenthema mehr ist, sondern ein Thema von Governance, Führung, Risikomanagement und Unternehmenskultur. Cybersicherheit ist nicht nur eine IT-Verantwortung, sondern gehört weit oben auf die Strategie-Agenda.
Was reizt dich an einem Feld, das sich ständig mit Risiken und Bedrohungen beschäftigt?
Meine ursprüngliche Leidenschaft galt der Mathematik. Im Studium wurde mir klar, dass meine mathematische Forschung womöglich erst langfristig Wirkung entfalten würde – vielleicht sogar erst post mortem. Ich wollte jedoch an Themen mit unmittelbarem Impact arbeiten und wechselte deshalb in die Informatik. IT verbindet analytisches Denken mit konkretem gesellschaftlichem Nutzen. Dieses Zusammenspiel von Sinn und Verantwortung treibt mich bis heute an.
Welche Entwicklungen in der Cybersicherheit werden uns technisch und gesellschaftlich in naher Zukunft am stärksten herausfordern?
KI verändert die Cybersicherheit auf beiden Seiten: Die Verteidigung reagiert schneller, Angreifende skalieren Phishing, Deepfakes und Schwachstellensuche. Das Tempo steigt deutlich und neben Technologie braucht es klare Governance. Quantencomputing ist kurzfristig keine Bedrohung, wird aber langfristig die Kryptografie verändern und erfordert vorausschauende Planung. Und gesellschaftlich geht es vor allem um Vertrauen – in Informationen, Infrastrukturen und digitale Entscheidungen.
Wie lassen sich Schutz und digitale Souveränität in der Cybersicherheit vereinen?
Es braucht Kontrolle in kritischen Bereichen und Kooperation dort, wo sie stärkt. Vollständige digitale Unabhängigkeit ist angesichts verflochtener Technologien und Lieferketten unrealistisch. Entscheidend ist Transparenz über Daten, Systeme und Verantwortung, sonst bleibt digitale Souveränität theoretisch. Gleichzeitig ist Cybersicherheit kooperativ. Informationsaustausch, gemeinsame Standards und internationale Zusammenarbeit erhöhen die Schutzwirkung erheblich.
Jetzt bist du IT-Persönlichkeit des Jahres 2025. Wie waren die letzten Monate?
2025 war ein intensives Jahr mit internationalen Dialogen zu Cybersicherheit und Post-Quantum-Themen. Um zwei Highlights zu nennen: Als Visiting Professor im Bereich Cybersecurity Leadership bereite ich MBA- und EMBA-Studierende auf strategische Führungsaufgaben vor. Mit dem CYBERLEAD Hub und einer Masterclass für Business Leaders habe ich zudem Bildungsangebote aufgebaut, die Entscheidungsträger:innen befähigen, Cyberrisiken fundiert zu steuern.
Dein Rat an die nächste Generation von ICT-Fachkräften – insbesondere jungen Frauen mit ähnlichen Ambitionen?
Bleibt neugierig, baut eure Expertise konsequent aus und zögert nicht, einen Platz am Tisch einzunehmen. Das kann sich anfangs ungewohnt anfühlen, aber eure Perspektive zählt! Fortschritt beginnt mit Einzelnen, die den Schritt nach vorne wagen und ihre Kompetenz sprechen lassen. So entsteht Wandel.
Text: Romana Bleisch
