30. Juni 2021

«Unternehmensnachfolge ist ein persönliches Thema»

Urs Prantl sucht Mitstreiter:innen für eine neue swissICT Fachgruppe «Nachfolge in der ICT». Im Interview erzählt er, wieso ihn das Thema bewegt und was er mit der Fachgruppe vorhat.

Interview: Simon Zaugg

Wer bist du? Und wieso sollte man dich kennen? 

Urs Prantl: Ich habe 1990 mein erstes Softwareunternehmen gegründet. Wir entwickelten Individual-Software für alle möglichen Branchen und Problemstellungen. Ursprünglich komme ich gar nicht aus der IT, sondern habe Jus studiert. Ich bin somit ein klassischer Quereinsteiger, wie es damals viele gab.

Nach zwölf Jahren übergab ich meine Firma an zwei Mitarbeiter. Danach stieg ich in einem befreundeten Softwareunternehmen als Partner ein. Wir entwickelten das Unternehmen erfolgreich weiter und verkauften es dann 2010 an unseren grössten Mitbewerber in Deutschland. 2012 machte ich mich als Strategieberater und Mentor für inhabergeführte IT- und Softwarefirmen selbständig. Seit zwei Jahren bin ich zusätzlich mit meinem Kollegen Oliver Wegner Partner bei der gemeinsam gegründeten Evolutionplan Schweiz GmbH in Luzern.

Wir haben die Evolutionplan Schweiz mit dem Ziel aus der Taufe gehoben, im Schweizer IT-Markt spezifisch für IT- und Softwareunternehmen eine spezialisierte Nachfolgebegleitung anzubieten. Unser Schwerpunkt liegt operativ auf dem Unternehmensverkauf.

Seit 2014 schreibe ich zudem monatlich eine Kolumne bei Inside Channels und habe zahlreiche Fachartikel zu den Themen Unternehmensentwicklung und Strategie veröffentlicht.

Du hast gerade die Kolumne und die Artikel angesprochen. Was war das Thema, das dir im Rückblick auf diese publizistische Tätigkeit am meisten geblieben ist oder dir am meisten am Herzen lag? 

Urs Prantl: Ich greife gerne neue und innovative Business-Themen auf, die etwas mit unserer Branche zu tun haben. Der gemeinsame Nenner ist stets gute und richtige Unternehmensführung. Am meisten interessieren mich Unternehmen, die bereits einen gewissen Reifegrad und Track-Record aufweisen und wo sich spürbar und sichtbar «Wachstumsschmerzen» zeigen.

Und ganz speziell natürlich das Thema Nachfolge. Unsere Branche ist ja noch nicht wirklich alt, im breiten Mainstream zwischen 30 bis 40 Jahre. Das heisst, dass aktuell viele IT-Unternehmer im Alter von 55 plus sind und sich die Frage der Nachfolge naturgemäss stellt. Die Nachfolgefrage hat sich in den letzten Jahren stark akzentuiert und passt auch perfekt zum Thema Strategie.

Was sind die grössten Unterschiede einer IT-Firma im Vergleich zu Unternehmen anderer Branchen im Thema Nachfolgeregelung? Was sind die wichtigsten Punkte, die man beachten muss? 

Urs Prantl: Wir sehen in der Praxis häufig, dass sich die Unternehmer und deren Berater in den meisten Nachfolgesituationen, vor allem wenn es um einen Unternehmensverkauf geht, sehr schnell auf die Finanzzahlen – und nur auf diese – stürzen.

Es werden Bilanzen und Erfolgsrechnungen analysiert und umfangreiche und teure Unternehmensbewertungen gemacht. Diese Bewertungen widerspiegeln aber oft nicht den Marktwert eines Unternehmens. Es gibt eben eine ganze Reihe anderer Faktoren, die einen weit grösseren Einfluss auf die Werthaltigkeit haben. Bei einem Softwareunternehmen zählen zum Beispiel das Intellectual Property, das Know-How der Mitarbeiter, die Kultur des Unternehmens, die Kundenbeziehungen – letzteres ganz speziell in der Schweiz – und viele andere Faktoren eine match-entscheidende Rolle. Das zeigt, dass das Geschäftsmodell eines IT- und Softwareunternehmens einen grösseren Einfluss auf die Bewertung hat als in anderen Branchen.

Ein zusätzlicher Aspekt ist, dass die meisten IT- und Softwareunternehmen kaum physische Vermögenswerte wie beispielsweise Immobilien besitzen. Auch dadurch unterscheiden sie sich häufig von Unternehmen anderer Branchen.

Gibt es in der Schweiz ein spezielles Problem mit der Nachfolgeregelung? Oder diskutiert man auch in Deutschland über die gleichen Fragen? 

Urs Prantl: Der Hauptunterschied ist, dass der Schweizer IT-Unternehmer beim Thema Nachfolge in erster Linie an eine Übergabe seines Unternehmens an seine Mitarbeitenden denkt. Entweder an bestehende Mitarbeiter im Rahmen eines MBO (Management Buy-Out) oder an neu ins Unternehmen zu holende Mitarbeitende im Rahmen eine MBI (Management Buy-In). Unternehmer in Deutschland hingegen denken oftmals gleich zu Beginn an einen Verkauf des Unternehmens an Dritte. Genau an dieser Thematik wollen wir mit unserer Fachgruppe auch anknüpfen.

Sind also viele IT-Unternehmer im Moment am «Schwimmen»? 

Das glaube ich nicht. Das Thema Nachfolge ist erfahrungsgemäss etwas, was viele Unternehmer vor sich herschieben. Ich kenne in meinem Netzwerk einige Unternehmer, die zwar schon im fortgeschrittenen Berufsalter sind, sich aber aktiv noch nicht mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Der eigentliche Druck kommt dann oft unmittelbar, nicht selten sogar quasi über Nacht.

Eine gute Nachfolgelösung setzt weiter voraus, dass der Unternehmer sein «Baby», das er geboren, aufgebaut und entwickelt hat, auch emotional loslassen kann. Das braucht Zeit. Es sei denn, ein externer Umstand, zwingt ihn abrupt dazu.

Studien zeigen ausserdem, dass in den nächsten Jahren Hunderte wenn nicht gar Tausende von Unternehmern, darunter eben auch viele IT-Unternehmen, vor dieser Herausforderung stehen. Allein schon aufgrund des Alters der entsprechenden Gründer.

Es ist also die Gründergeneration des ersten Internetbooms, die jetzt in diese Situation kommt? 

Urs Prantl: Nicht selten gibt es auch die Konstellation, dass es nicht nur einen Gründer hat, sondern mehrere. Die müssen sich dann im Nachfolgeprozess einig werden. Was oft auch kein einfaches Unterfangen ist. So sucht ein Unternehmer vielleicht eine Nachfolgelösung. Seine Partner sagen, dass sie entweder kein Interesse haben, mehr Anteile zu übernehmen. Oder sie haben die finanziellen Mittel dazu nicht. Oder sie wollen nicht unbedingt mehr Risiko übernehmen. Das Thema bei mehreren Unternehmern ist meist vielschichtig und zusätzlich komplex.

Wenn wir auf das Thema der Fachgruppe zurückkommen. Sprichst du vor allem die Unternehmer an, die zwischen 50 und 60 sind?

Ja, es werden vermutlich die etwas älteren Semester sein. Wir wollen aber altersmässig niemanden ausschliessen. Allerdings wollen wir weniger diejenigen ansprechen, die jetzt sofort und möglichst schnell eine Lösung brauchen. Sondern jene, die sich in einem Zeitraum von einem bis ein paar Jahren stufenweise damit auseinandersetzen wollen und eine optimale Nachfolgestrategie für ihr Unternehmen und sich selbst entwickeln wollen.

Suchst du sowohl Leute, die schon weiter sind im Prozess und solche, die ganz neu anfangen wollen ihre Nachfolge zu regeln? 

Urs Prantl: Wir suchen für die Fachgruppe beides. Sowohl Unternehmer, die schon oftmals von ihrer Familie, ihrem Treuhänder oder Banker auf das Thema Nachfolge aufmerksam gemacht wurden und möglicherweise auch schon erste Schritte auf den Nachfolgeweg gegangen sind, wie auch solche, die erst damit beginnen wollen. Die Fachgruppe «Nachfolge in der ICT» soll ein unabhängiges Gefäss sein, wo sich Gleichgesinnte treffen können. Das ist mir sehr wichtig. Willkommen sind auch Unternehmer, die ihre bereits konkrete Nachfolgeidee in der Gruppe «challengen» wollen.

Spielt die Unternehmensgrösse dabei eine Rolle? 

Urs Prantl: Nein, das kann ein inhabergeführtes IT-KMU in jeder Grösse sein. Ich suche allerdings entweder direkt die Eigentümer und Unternehmer, oder solche, die bereits in einer Führungsrolle sind und planen, das Unternehmen später ganz oder teilweise im Rahmen eines MBO oder eines MBI zu übernehmen.

Weiter ist zentral, dass heutige oder künftige Unternehmer in der Fachgruppe unter sich sein können. Das Thema Unternehmensnachfolge ist sehr persönlich, basiert auf Vertrauen und verlangt demnach nach hoher Vertraulichkeit. «Artfremde» Leute passen da nicht dazu.

Danke vielmals für das Gespräch. Ich wünsche dir viel Erfolg mit der Fachgruppe!

 

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