19. Oktober 2020

«Das Killer-Feature ist aus meiner Sicht die Berufshaftpflicht-Versicherung»

swissICT Vorstand Gerhard Storz ist einer der Köpfe hinter dem neuen Versicherungsangebot des Verbands mit Esurance. Der langjährige Manager beim Versicherungssoftware-Anbieter Adcubum verrät, wieso er vom Produkt überzeugt ist – und was ihn sonst in über dreissig Jahren Engagement für die ICT-Szene bewegt hat.

Wer bist du und was muss ein junger Digital Native, der noch am Anfang seiner Berufskarriere steht, über dich, deine Organisation und ihre digitalen Initiativen wissen?

Mein Name ist Geri Storz, ich bin verantwortlich für Spezialprojekte bei Adcubum. Zuvor war ich in verschiedenen anderen Funktionen tätig, unter anderem im Verkauf und im Business Development. Ich steuere unterdessen dem Ende der beruflichen Laufbahn entgegen, bin aber immer noch stark involviert und engagiert.

Die Adcubum in St. Gallen ist ein Softwarehersteller mit gut 400 Mitarbeitern. Unser Produkt, Adcubum Syrius, ist ein Kernsystem für die Versicherungswirtschaft, welches wir hauptsächlich in der Schweiz und in Deutschland verkaufen. Die Lösung deckt alle Bereiche der Nicht-Leben-Versicherungen ab, also neben der Schadenversicherung auch alle Formen von Personenversicherungen wie Unfall und Krankentaggeld sowie natürlich die Krankenversicherung. Es ist ein sehr spannendes Umfeld für junge Informatikerinnen und Informatiker, die auf Jobsuche sind. Auch Versicherungsspezialisten sind sehr gefragt.

Wie beurteilst du den Zustand der ICT-Szene in der Schweiz?

Es gibt einen grossen Mangel an gut qualifizierten Informatikerinnen und Informatikern. Als Arbeitgeber muss man lange und gut suchen. Es gibt gute Leute, aber nicht in einer grossen Menge. Das heisst auch, dass das Lohnniveau hoch ist und es für gute Leute ein attraktives Umfeld ist. Ich glaube, der Fachkräftemangel behindert uns dabei ein wenig in der Entwicklung. Es gibt eher wenig Konkurrenz unter den Mitarbeitenden, wenig Spannung, wenig Druck. Das treibt die Kosten – in einem sonst schon teuren Land wie der Schweiz – weiter in die Höhe.

Nearshoring und Offshoring sind natürlich auch immer wieder ein Thema. Ich bin diesbezüglich aber der Überzeugung, dass da die Qualität eine grosse Herausforderung ist.

Das heisst, Adcubum ist eher zurückhaltend?

Nearshoring haben wir ausprobiert. Wir haben uns aber dann entschieden, eine eigene Niederlassung in Zagreb zu gründen. Das war vor eineinhalb Jahren. Diese Niederlassung ist unterdessen auf 40 Mitarbeitende angewachsen.

Wird im Ausland entwickelt, ist man nicht so nahe am Schweizer Markt dran. Welche Funktionen kann man überhaupt im Ausland ansiedeln?

Wir geben primär technische Entwicklungen und Innovationen nach Zagreb. Die fachlichen Entwicklungen finden mehrheitlich in der Schweiz statt. Das soll auch auf absehbare Zeit so bleiben. Es stimmt schon, Fachwissen ist sehr wichtig, aber auch je nach Versicherung mehr oder weniger ausgeprägt. Stark regulierte Bereiche wie Kranken- und Unfallversicherungen sind sehr stark lokal geprägt. Hausrats-, Reise oder andere Schadenversicherungen sind stärker standardisiert zwischen den Ländern.

Du bist seit 2003 im Vorstand von swissICT engagiert, zuvor warst du auch in einem der beiden Vorgängerverbände, dem SVD, aktiv. Was sind rückblickend deine persönlichen Highlights?

Aktiv engagiert bin ich seit 1988. Am Anfang vor allem in der Programmkommission. Damals hatten Veranstaltungen noch eine ganz andere Bedeutung. Es gab relativ wenig Veranstaltungen von privaten Unternehmen, deshalb waren hier die Verbände zentral und hatten mit den Veranstaltungen entsprechendes Gewicht. Da gab es auch mal dreitägige Seminare. Das kann man sich heute fast nicht mehr vorstellen. Die Konkurrenz ist enorm, dazu können es sich die Verantwortlichen in den Unternehmen gar nicht mehr leisten, mehrere Tage an eine Konferenz zu gehen. Der Druck ist schlicht zu gross.

Eines der Highlights war sicher, dass wir im Jahr 2000 den SVD und den WIF zum swissICT zusammenführen konnten. Damit wurden wir zum grössten ICT-Verband der Schweiz. Spätere Fusionsbestrebungen sind bekanntlich gescheitert. Dann wurde der Dachverband aus der Taufe gehoben, was sicher auch ein guter Schritt war. Auch dieses Modell ist heute wieder in Frage gestellt. Das Stetige ist der Wandel! Mir hat es viel Freude gemacht, diesen Wandel mitgestalten zu dürfen.

Wie hat sich der Stellenwert der Verbände entwickelt? Wenn wir zum Beispiel den Bereich Events anschauen, wo sich die Ausgangslage doch stark verändert hat.

Den normierenden Faktor, den braucht es nach wie vor. Ich spreche zum Beispiel von der Entwicklung der Berufsbilder. Das ist eine typische Verbandsarbeit – auch heute noch. Auch für eine Salärstudie ist ein neutraler, nicht gewinnorientierter Verband sicher ein sehr geeigneter Träger.

Es gab immer wieder Diskussionen über Zertifizierungen. Da haben Verbände schon eine wichtige Rolle. Sie können sich dort positionieren, wo sie der Branche Normen und Hilfestellungen anbieten können. Dann ist da auch das Thema Interessenvertretung in der Politik. In der Informatik müssen wir selbstkritisch zum Schluss kommen, dass andere Branchen das besser machen. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass die Informatik einfach eine sehr heterogene Branche ist. Einen gemeinsamen Nenner zu finden und in politische Forderungen zu übersetzen ist eine Herkulesaufgabe. Und es wird sicher nicht einfacher werden. Kommt dazu, dass Internet-Mächte wie Google, Microsoft & Co., die sich immer stärker ausbreiten, schlicht keinen Verband brauchen, um ihre Interessen durchzusetzen.

Wie ordnest du das neue Versicherungsangebot in der ganzen heutigen Angebotspalette von swissICT ein? Ich kann mich erinnern, dass du mal von einem potenziellen Killer-Feature gesprochen hast.

Das Killer-Feature ist aus meiner Sicht die Berufshaftpflicht-Versicherung. Das wird meiner Ansicht nach noch stark unterschätzt in den meisten Unternehmen! Wenn Firmen ihren Job sauber und exakt machen, ihnen aber trotzdem mal ein Fehler unterläuft, dann stehen sie vor dem Risiko, mit einer Haftpflichtforderung konfrontiert zu werden. Und das selbst wenn sie sehr zuverlässig arbeiten – man kann immer Pech haben. Ein solcher Fehler kann dann durchaus existenzbedrohend werden. Je kleiner eine Informatikfirma ist, desto schwieriger ist es, eine massgeschneiderte Lösung zu bekommen. Die Stärke der Esurance-Lösung ist die kollektive Einkaufskraft für ähnlich gelagerte Risiken. So bekommt man zu attraktiven Konditionen Zugang zu einem Gesamtpaket inkl. KTG, UVG, Haftpflicht & Co.

Wie hast du die Zusammenarbeit mit Esurance empfunden?

Nach einer ersten Annäherung sind wir zu einem richtig guten Team zusammengewachsen. Der ganze Prozess war sehr befruchtend und effizient. Es ist auch klar geworden, dass die Vermarktung ganz zentral ist. In der Versicherungswirtschaft ist der Online-Vertrieb zwar wichtig, in ganz vielen Fällen braucht es aber nach wie vor persönliche Beratung. Ein Kunde kauft die Versicherung häufig immer noch lieber von einem Menschen.

Was braucht es noch, damit das Produkt ein Erfolg wird?

Es ist der digitale Vertrieb. Aber auch das Zusammenspiel zwischen digital und dem persönlichen Vertrieb. Versicherungsgeschäft ist primär Verkaufen. Klar – es gibt Versicherungen, die muss ich einfach haben, wie die Unfallversicherung. Es gibt aber viele Elemente, wo es einen aktiven Verkauf braucht. Der Kunde muss richtig abgeholt und beraten werden und eine optimale Lösung bekommen. Das Zweite ist die Service-Leistung. Prämienabrechnungen müssen unkompliziert sein, und wenn es zu einem Schaden kommt, dann muss auch das unkompliziert und grosszügig abgewickelt werden. Verkauf am Anfang, Betreuung über die Zeit – und wenn es zum Schaden kommt: Helfen.

Wie digital und innovativ sind die Versicherer in der Schweiz?

Versicherung ist in der Schweiz ein Geschäft, mit dem sich gutes Geld verdienen lässt. Da ist in anderen europäischen Märkten der Druck deutlich grösser. Wenn es gut und locker funktioniert, dann ist man nicht immer besonders innovativ. Projekte können länger hinausgezögert werden. Vereinfachungen können verschoben werden. Die Kunden wechseln nicht so schnell.

Man konzentriert sich noch auf komplexe Lösungen, die teuer und aufwändig sind. Es gibt aber auch grosse Unterschiede zwischen den einzelnen Akteuren

Ist das jetzt gut oder schlecht für Adcubum?

Uns bleibt am Ende nichts anderes übrig, als dass wir uns Marktgegebenheiten stellen. Wir helfen allen, in eine bessere Welt zu kommen – möglichst kostengünstig. Man muss auf den einzelnen Kunden eingehen und mit ihm die optimale Konfiguration im Rahmen einer Standardlösung finden.

Was sind heute die wichtigsten Trends im Bereich Insurtech?

Es ist ein breiter Begriff. Es gibt Anbieter, die mit Kleinst- und Mikroversicherungen, aber grossem Volumen wachsen wollen. Es gibt auf der anderen Seite auch Lösungen, die ein spezifisches Problem lösen wollen. Zum Beispiel die Mobilität zu überwachen bei einem Autofahrer und daran die Prämie zu bemessen.

Persönlich bin ich eher skeptisch bei Versicherungen, die kein echtes Sicherheitsbedürfnis abdecken. Ein Risiko, das mich nicht in der Existenz bedroht und das ich selbst tragen kann, dafür will ich keine Prämie bezahlen. Auch wenn sie noch so klein ist. Natürlich gibt es noch ganz viele Prozesse, die man schneller und unkomplizierter lösen kann. Am Ende ist es auch in der Insurtech-Branche so, dass viele Gründer darauf hinarbeiten, die Firma möglichst attraktiv und wertvoll zu machen und so zu einem spannenden Übernahmekandidaten für Versicherungen oder andere Investoren zu werden.

Wie erkennst du den Unterschied zwischen einem Start-up, das ein «wirkliches» Bedürfnis abdeckt, und einem mit einem weniger wichtigen Bedürfnis?

Das ist sehr subjektiv. Es hat sicher viel mit Erfahrung zu tun. Zum Beispiel bin ich bei Esurance ganz klar der Meinung, dass es funktioniert. Im Gastro-Bereich haben sie bereits bewiesen, dass sie eine Brache gut bedienen können. Wenn ich nicht dieser Überzeugung gewesen wäre, hätte ich auch nicht so viel Zeit investiert. Das können wir gerne so festhalten.

Schlussfrage: Was würde dein Teenager-Ich heute zu dir sagen und was würdest du deinem 15-jährigen Ich mit auf den Weg geben wollen für seine Zukunft?

Als ich mich entschieden habe, in die Informatik einzusteigen, gab es weder eine Berufsbildung noch einen akademischen Weg dahin. In meiner Altersgruppe gibt es viele Leute mit einem völlig anderen Hintergrund. Sie haben Weiterbildungen gemacht, Seminare besucht, um in der Informatik aktiv zu werden.

Wenn mich heute ein 15-Jähriger fragt, ob er oder sie in die Informatik gehen soll, dann antworte ich wie folgt: Auf der einen Seite brauchst du die Wissensbegierde und das Feuer, etwas zu machen. Du brauchst viel eigenen Antrieb und innere Motivation. Das heisst auch, dass man sich in der Freizeit mit Programmieren & Co. auseinandersetzt und Zeit investiert. Es braucht auf der anderen Seite eine gute Grundbildung und eine Umgebung, in welcher Wissen praktisch vermittelt wird. Ich empfehle sehr, heute nicht mehr den Weg als Selfmademan zu gehen, wie ich das damals gemacht habe, sondern zuerst ein robustes Fundament zu schaffen. Das ist die Basis für eine erfolgreiche Laufbahn in der Informatik.

Dieses Interview wurde in gekürzter Fassung in der Ausgabe des swissICT Mitglieder-Magazins 03/2020 publiziert.

Disclaimer: Dieser Artikel erscheint im Rahmen der Partnerschaft mit esurance, einem Mitglied von swissICT. Gemeinsam mit dem digitalen Versicherungsbroker esurance und dem Label swiss made software bietet swissICT seit April 2020 branchenspezifische und kostengünstige Versicherungslösungen an. Alle Informationen rund um dieses Angebot finden Sie unter www.swissict.ch/esurance

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