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Seitenblick

Le petit paradis und für was wir die nächste Milliarde ausgeben sollten

Laut WEF ist die Schweiz «nur» noch auf Platz zwei der wettbewerbs- fähigsten Länder der Welt (hinter den USA), beim Bruttoinlandprodukt pro Kopf liegen wir ebenfalls auf Platz zwei (hinter Luxemburg), und laut einer Studie der Universität Wharton wird die Schweiz als das Land mit der höchsten Lebensqualität der Welt wahrgenommen. Eine Konklusion, der ich mich gerne anschliesse. So überrascht es also nicht, wenn unsere abtretenden Bundesräte das Parlament und ihre Nachfolger aufgefordert haben, für unser schönes Land zu kämpfen und Sorge zu tragen zu unserem «petit paradis». 

Ich gebe den zweien völlig recht, wir leben in einem wunderschönen Land, und dem müssen wir Sorge tragen. Was es aber dazu braucht, dass dieses Paradies auch ein solches bleibt, darüber gehen die Meinungen sehr stark auseinander. 

Die einen meinen, dass man möglichst wenig ändern sollte, um das «Wunder Schweiz» so zu erhalten, wie es ist. Fast wie eine paradiesische Insel, deren Ureinwohner ungestört bleiben möchten von ungeliebten äusseren Einflüssen. Doch im Gegensatz zu den Sentinelesen auf den Andamanen leben wir nicht autark und sind nicht von unüberwindbaren Ozeanen umgeben. 

Im Gegenteil, wir importieren Unmengen an Gütern, und unser Wohlstand stammt von der Fähigkeit, Dienstleistungen und Produkte in besserer Qualität als der Wettbewerb herzustellen und sie deshalb
in die ganze Welt zu exportieren. 

Dank Automatisation trägt die Industrieproduktion zwar immer noch 20 Prozent zur Wertschöpfung in der Schweiz bei. Die Mitarbeiter im zweiten Sektor fokussieren aber zunehmend auf Design, Konzeption, Engineering und Prozesse. Haben wir uns die letzten Jahre noch dank Outsourcing in Billiglohnländer gegen die Margenerosion wehren können, sind es unterdessen ebendiese Länder, die sich vom reinen Auftragsfertiger und Billigdienstleister zum realen Wettbewerber unserer Wirtschaft entwickelt haben.

Mehr als zwei Drittel unserer Wertschöpfung findet aber im Dienstleistungsbereich statt. Dabei stehen unsere Finanzdienstleister, bis vor kurzem noch Haupternährer des Wirtschaftsraums Zürich, unter massivem Druck. Der Anteil des Finanzsektors am BIP ist in den letzten 10 Jahren um 30 Prozent gefallen. Grossbanken werden zum Teil unter Buchwert gehandelt. Das bedeutet nichts anderes, als dass die Investoren keine oder zumindest nur eine sehr bescheidene Zukunft für diese Unternehmen sehen. 

Wenn also Wertschöpfung im zweiten Sektor ins Ausland abwandert, chinesische Firmen die besten Mobilfunktelefone entwickeln (bauen tun sie diese schon lange), Dienstleister im globalen Wettbewerb zurückfallen und der Wohlstand der Schweiz nicht einfach eingemauert werden kann, dann stellt sich doch die Frage, wo wir den nächsten Wettbewerbsvorteil holen können. Die Disruption, ausgelöst durch den Transistor, haben wir (unbeschadet) verpasst, eine Softwareindustrie mit globaler Ausstrahlung fehlt, und keine der globalen digitalen Plattformen hat ihren Ursprung in der Schweiz. Was ist es also, das «next global hot thing», nach dem wir unter anderem beim Digital Economy Award suchen? 

Ich meine, die Antwort ist naheliegend. Sosehr man die Möglichkeiten vor 50, vor 30 und auch noch vor 10 Jahren überschätzt hat, so sehr wird deren Entwicklungsgeschwindigkeit für die kommenden 10 bis 20 Jahre unterschätzt. Ja, ich spreche von Artificial Intelligence. Noch ist nicht bestimmt, wer hier das Rennen macht, und die Schweiz könnte sich in die «Pole Position» bringen. Dies aber nicht, indem man hofft, dass ein universitäres Spin-off mit ein paar Millionen Funding den Heiligen Gral entdeckt. Dies gelingt nur, wenn ein ganzes Volk wie die Schweiz, in der Inbrunst der Überzeugung, für ihr «petit paradis» kämpft und auch morgen besser sein will als die anderen. Und dieser 

Kampf muss uns mindestens so viel wert sein wie die Agrarsubventionen oder das Verteidigungsbudget. Hier teile ich die Meinung meines Kollegen Pascal Kaufmann, der auf der Suche nach der ersten Milliarde für ein nationales AI-Programm ist. Ein Programm, das die besten Köpfe der Welt einbinden soll und die Schweiz in eine Führungsposition bei der nächsten, globalen Revolution bringen kann. 

 Ich wünsche Ihnen allen ein frohes neues Jahr 2019 – auch dieses wird ein Erfolg!

 

Thomas Flatt ist Präsident swissICT, Unternehmer, Berater und Verwaltungsrat

(Diese Kolumne "Seitenblick" erschien erstmals im swissICT Mitgliedermagazin vom Januar 2019 und muss nicht die Meinung von swissICT wiedergeben.)

 

PS: Diese Kolumne wurde von einem Menschen geschrieben – eine der kommenden vielleicht bald nicht mehr. Und Sie werden nichts merken. Ausser vielleicht, dass diese dann besser sein wird.